SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Kärnten >> Franz Pehr - Sagen aus Kärnten

   
 

EINE DRAUTALER SAGE VOM WETTERSEE

Wie jedes Alpenland, besitzt auch Kärnten einige "Wetterseen"; so den See auf der Koralpe, die Seen am Kreuzkopf südlich vom oberen Mölltal, den Wolayersee südlich von St. Jakob im Lesachtal, einen in der Mallnitz und den Turracher See an der Südwestseite des Eisenhuts, wo insbesondere die über Klagenfurt sich verbreitenden Gewitter der Volksmeinung nach ihren Ursprung haben.

Von einem solchen Wettersee erzählt eine Drautaler Sage:

Ein alter Mann wollte sich überzeugen, ob das Gerede der Leute denn auch wahr sei. Er ging deshalb zum See hin und schleuderte einen Stein hinein. Nicht lange, so fing es zu blitzen, zu donnern und zu regnen an. Der Regen wurde immer heftiger; der See schwoll an und trat über die Ufer. Da fühlte sich der Alte nicht mehr sicher, floh von dannen und kam zu einer Almhütte. Hier glaubte er Obdach und Schutz zu finden. Aber auch hieher war ihm das Wasser gefolgt. Und plötzlich kam im ärgsten Sturm und Regen ein großer Mann, halb nackt und mit langem, grünem Gras bewachsen, auf ihn zu. Es war der Wassermann. Zornig verwies er ihm sein Beginnen und sagte: "Ist's nicht genug, daß mich die Kinder beständig beeinträchtigen und stören, mußt nun auch du es noch tun, der du doch schon so alt bist?" Dann nahm er den Alten an der Hand und führte ihn mit sich. Bei einem Felsen, der sich auf ein paar Streiche von selbst öffnete, hielten sie an. Durch diesen hindurch führte ihn nun der Wassermann in einen langen, unterirdischen Gang. Anfangs war es sehr finster, aber je weiter sie gingen, desto lichter wurde es; denn die ganze Wand war Karfunkelstein und leuchtete wie das hellste Licht. Endlich kamen sie auf einen freien, weiten Raum, auf dem viele tausend Menschen beschäftigt waren und an einer großen Maschine arbeiteten, um das Wasser in die Höhe zu treiben. "Jetzt schau einmal", sagte der Wassermann zu dem Alten, "was ihr den Leuten für Arbeit macht! Wie lange müssen die pumpen, um so viel Wasser heraufzubringen. - Die Leute aber, die du da siehst, sind lauter im See Ertrunkene." Hierauf warnte er ihn abermals und trug ihm auf, auch seinen Kindern zu verbieten, daß sie Steine in den See werfen. Dann führte er den Alten wieder zurück und erlaubte ihm, mitzunehmen, was er einstecken könne. Als der Alte nach Hause kam, erfuhr er, daß er schon einen ganzen Monat fort gewesen sei, während ihn die Zeit kaum einen Tag dünkte. Die Sachen aber, die er mitgebracht hatte, waren viele Millionen wert.

Franz Pehr, Kärntner Sagen. Klagenfurt 1913, 5. Auflage, Klagenfurt 1960, Nr. 65, S. 134