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VON DER GRÄFIN SALAMANKA


Der Fluch des Bettlers

Bei Spittal, auf einer Anhöhe unter dem Goldeck, liegen die Ruinen der Ortenburg, einst der Sitz eines mächtigen Geschlechtes. Aber als Graf Georg die fremde und stolze Katharina von Salamanka heimführte, war es um den Glanz seiner Familie geschehen. So reich nämlich die Ortenburger waren und so milde gegen das Volk, so habgierig und herrschsüchtig wurde Katharina. Nur ihren einzigen Sohn Johann verwöhnte sie in blinder Liebe. Als sich einmal bei einem Fest die arme Spittaler Bevölkerung im Burghof angesammelt hatte und die Gräfin bat, ihnen die Abfälle zu überlassen, befahl ihnen Salamanka, den Hof sofort zu verlassen. Und da die Leute diesem Befehl nicht gleich nachkamen, hetzte die Gräfin die Hunde ihres Sohnes auf sie. Erschreckt flohen alle aus dem ungastlichen Schloß. Nur ein Greis, der alte Mesner des Marktes, konnte den anderen nicht folgen; die Doggen fielen über ihn her. Sterbend rief er der unmenschlichen Gräfin die Worte zu: "So wie ich jetzt sterbe, wird auch Johann, Euer Sohn, einst enden!"

Als sich kurz darauf spanische Reiter in Villach aufhielten, ließ Johann seinen Rappen satteln und machte sich in Begleitung seiner Doggen auf den Weg nach Villach, um die Landsleute seiner Mutter zu treffen. Er wurde dort von einem spanischen Reiter angesprochen, der in Wirklichkeit ein Spittaler, und zwar der Sohn jenes Mesners war, der ein so schauerliches Ende gefunden hatte. Lange Jahre hatte er seine Heimat und seinen Vater nicht gesehen und so stellte er viele Fragen an den Junker, der es nicht wagte, ihm die Wahrheit zu sagen. Erfreut über das Gehörte gab der Reiter dem Junker zwei Hunde aus edler Rasse zum Geschenk. Voll Freude streichelte er die wertvollen Tiere. Nun aber begannen seine eigenen Hunde zu knurren; eifersüchtig sprangen sie die Nebenbuhler an. Als Johann die Hunde trennen wollte, stürzten sich alle vier auf ihn, und ehe man ihm zu Hilfe kommen konnte, war er eine Leiche.


Salamanka, die Doppelmörderin

Nachdem Katharina von Salamanka den einzigen Sohn und kurz nachher auch den Gatten verloren hatte, wendete sie ihr ganzes Herz den reichen Schätzen zu, die in der Burg aufgehäuft lagen. Da sie keinen Erben' besaß, beschloß sie, ihren Besitz nicht in fremde Hände fallen zu lassen. Durch ihre Zofe ließ sie einen Maurer erforschen, der all ihr Gold und Geschmeide in ein sicheres Gewölbe vermauern sollte, damit es für alle Menschen und für alle Zeiten verborgen sei. Der Maurer und die Zofe mußten vor Beginn der Arbeit mit den heiligsten Eiden Verschwiegenheit geloben. Doch als der Maurer sein Werk schon fast vollendet hatte, versetzte ihm Salamanka einen Stoß und stürzte ihn in das Verließ hinab, um so einen Zeugen wenigstens verstummen zu machen. Aber noch war die Zofe da, die zweite Mitwisserin des Geheimnisses. Salamanka konnte nicht Ruhe finden, solange diese lebte. Eines Nachts, als die Dienerin schlief, schlich sich Salamanka an ihr Lager und führte mit dem schweren Pantoffel einen so gewaltigen Streich auf die Stirne der Schläferin, daß diese nimmer erwachte.

Nach dieser schrecklichen Tat begann das Gewissen der Doppelmörderin sich zu regen. Wie ein Gespenst irrte sie Tage und Nächte durch die öden Säle des Schlosses, bis eines Morgens die Diener sie tot am Boden liegend fanden und mit ihr die Letzte ihres Geschlechtes in die Gruft der Ortenburger legten.


Salamanka als Unheilskünderin

Viele Jahre waren seit jenen grausen Ereignissen vergangen. Fröhliche Menschen lebten in dem Ortenburgerschlosse, in dem alles zu einem großen Feste rüstete; sollte doch in Kürze die schöne Tochter des Fürsten Hochzeit halten. Viele fleißige Hände nähten am Brautstaat des Fürstenkindes. Doch was diese auch bei Tage schufen, nachts wurde alles vernichtet; der Morgen beleuchtete nur zertrennte Lappen, die in allen Ecken umhergestreut waren. Was immer der Fürst versuchte, dem Spuk war nicht zu steuern. "Die Salamanka, die Salamanka!" flüsterte man leise, und die Ahnung kommenden Unheils zog in die Gemüter.

Da erschien eines Tages ein schwarzgekleideter Bote in der Burg und brachte die Trauerkunde, daß der Bräutigam der Fürstentochter auf der Reise gestorben sei. So hatte sich Salamanka als Verkünderin kommenden Unheils gezeigt.


Salamanka als Gespenst

Einst hörte ein junger Soldat, der nach Spittal kam, von der Salamanka erzählen, wollte jedoch nicht an das Gehörte glauben. Da das Schloß eben unbewohnt war, wußte er es beim Wirte durchzusetzen, daß man ihn darin übernachten ließ. Beim nächsten Morgengrauen verließ er es auf dem kürzesten Wege, ohne von den Erlebnissen der Nacht ein Wort verlauten zu lassen.

Der Kastellan aber fand an der Wand des Saales die Spuren kräftiger Säbelhiebe.


Salamanka bestraft einen Vorwitzigen

Einst war im Schlosse eine zahlreiche Gesellschaft beim festlichen Mahle vereint, als einer der Gäste sein Auge suchend über die Versammelten schweifen ließ. Auf die Frage der Hausfrau, wen er vermisse, erzählte er folgendes:

In der letztverflossenen Nacht, als alles schon schlief, habe er noch geschrieben; da sei ihm plötzlich die Kerze bei einer raschen Bewegung verlöscht; da er sich erinnerte, daß im Gange ein Lämpchen brenne, so sei er hinausgegangen, seine Kerze daran zu entzünden. Ehe er noch das Lämpchen erreicht, sei ihm eine hohe, todbleiche Frau mit einer Laterne in der Hand begegnet. Schweigend habe sie ihm bedeutet, seine Kerze an ihrem Lichte anzuzünden, und schweigend sei sie hierauf weitergeschritten. Diese Frau, die ihm des Hauses Ältermutter schien, habe sein Auge vorhin gesucht. Die ernstgewordene Hausfrau erhob sich und leuchtete dem Gast in den Ahnensaal; bei dem Bilde der Salamanka angekommen, rief der Fremde, diese sei's, die er nachts habe wandeln sehen. Als die Hausfrau nun erzählte, was von der Salamanka bekannt, da bekämpften viele der Ritter mit Scherz und Spott die Wahrheit des Gehörten. Einer unter ihnen aber faßte den Entschluß, als Dame Salamanka die Feigen zu erschrecken und den Mutigen einen Scherz zu bereiten. In gut gewählter Verkleidung, mit einer Laterne versehen, harrte er in der Nische des Korridors verborgen auf einen nächtlichen Wandler. Nicht lange hatte er gewartet, als er nahende Schritte vernahm; er trat heraus und vor ihm stand - mit finster drohenden Blicken - die Salamanka; mit kräftiger Hand schleuderte sie den Entsetzten zurück, der regungslos liegenblieb bis zum andern Morgen, wo man ihn fand. Als man ihn wieder zu sich gebracht, erzählte er sein Erlebnis, das allen Frevlern zur Lehre dienen möge.

Franz Pehr, Kärntner Sagen. Klagenfurt 1913, 5. Auflage, Klagenfurt 1960, Nr. 48, S. 101