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DIE WEIßE FRAU

Südlich von Spittal, erstreckt sich am rechten Ufer der Drau ein Gebirgszug, dessen höchste Spitze "Goldeck" heißt. Die Steine dieses Gebirgszuges sind goldhaltig; was man tatsächlich gefunden hat, ist sehr wenig; doch erzählt die Sage von baumstarken Goldadern, die sich durch das Gestein ziehen.

Ein solcher Punkt ist an der Schwalbenwand, steilauf fast vier Stunden von der Ortenburg weg. Auf dieser befindet sich ein Schloß, das nur alle hundert Jahre einem Glücklichen sichtbar wird. An einem Fenster dieses Schlosses lehnt dann eine große, weiße Frau mit einem Schlüsselbund und winkt dem, der sie sieht. Folgt er ihrem Winke, so führt sie ihn zum Anfang einer Goldader; dort kann er graben, bis er reich ist. Einst winkte die Frau einem Hirten; doch da seine Schafe eben zerstreut waren, fürchtete er, sie möchten sich in seiner Abwesenheit versteigen, und bat die Winkende zu warten, bis er seine Tiere zusammengetrieben habe. Als er zurückkam, waren Schloß, Frau und Schlüssel verschwunden.

Franz Pehr, Kärntner Sagen. Klagenfurt 1913, 5. Auflage, Klagenfurt 1960, Nr. 49, S. 107