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DIE STEINERNE MELK

Auf den steilen Wänden des Skarbin stand vor tausend Jahren das Schloß Proßnitza, in dem Graf Alboin mit seiner Gattin Hildegard oder, wie sie ihrer Güte wegen genannt wurde, Agathe lebte.

Als Graf Alboin einst für längere Zeit verreisen mußte, ließ er zum Schutze der Burg und ihrer Herrin seinen Bruder Udo zurück. Der jedoch mißbrauchte das ihm geschenkte Vertrauen und suchte Gräfin Hildegard von ihrem frommen Lebenswandel abzubringen. Es gelang ihm aber nicht, ihr reines Herz zu trüben. Als nun die Heimkehr des Grafen bevorstand, fürchtete Udo den Zorn seines Bruders. Um sich zu retten, beschloß er, Hildegard zu verderben. Eine Magd, Lupa genannt, erklärte sich bereit, falsches Zeugnis gegen ihre Gebieterin abzulegen; nachdem er sie unterrichtet hatte, wie sie ihre Anschuldigungen vorbringen sollte, ritt er dem Bruder eine Strecke weit entgegen. Auf dem steilen Pfade, der zur Bergfeste führte, traf Udo mit Alboin zusammen und begann, Hildegard zu verleumden: sie sei ihm untreu gewesen, sie. habe das Vermögen verschwendet und die Dienstleute schlecht behandelt. Als sich in der Brust des Grafen noch Zweifel regten, stürzte sich Lupa zu seinen Füßen und klagte sich unter Tränen als Helferin der Gräfin bei deren Vergehen an. Als die Wut des Grafen schon den höchsten Grad erreicht hatte, schwor sie, daß sie auf der Stelle zu Stein werden sollte, wenn sie nicht die Wahrheit geredet habe. Der Graf stürzte fort. Mit Gewalt sprengte er die Pforte zu Gräfin Hildegards Gemach, hielt seiner Gattin in wenigen Worten ihre Schuld vor, faßte sie dann mit starken Armen und stürzte sie zum Fenster hinaus; ihr nach die treue Dienerin, die ihrer Herrin Unschuld beteuert hatte.

Da geschah etwas Wunderbares. Aus dem Abgrund, in den der Graf seine Frau geschleudert hatte, ertönte lieblicher Gesang, und nicht zerschmettert sah er seine Frau am Abhang, sondern lebend, von einem strahlenden Engel beschützt, auf einem steilen Felsen sitzen. Von dort erhob sie sich und schwebte mit ihrem himmlischen Begleiter über die Drau zum Schlosse Stein. Doch der himmlische Glanz blendete des Grafen Augen, so daß er das Augenlicht verlor. Während er noch erstarrt dastand, wurde ihm die Kunde eines neuen Wunders gebracht. Lupa war dort, wo sie die meineidigen Worte gesprochen hatte, samt der Kuh, dem Melkkübel und dem Stuhl in Stein verwandelt worden. Von heftiger Reue erfaßt, zog Graf Alboin ohne jegliche Begleitung fort und besuchte das Grab der heiligen Apostel in Rom, des heiligen Jakob in Compostella im spanischen Gallizien - danach soll er die Jakobskirche in Gallizien gegründet haben - und das heilige Grab in Jerusalem. Als er nach sieben Jahren heimkehrte, heilte ihn die fromme Gattin durch Auflegen ihrer Hände von seiner Blindheit. Er zog sich nach Möchling zurück und stiftete dort die Kirche, in der er, nachdem er sein Leben fromm beschlossen hatte, begraben wurde.

Hildegard überlebte ihn mehrere Jahre. Ihr auf so wunderbare Weise gerettetes Leben war fortan ausschließlich dem Wohltun gewidmet. Sie stiftete die Kirche zu Stein, gründete ein Hospital, in dem alljährlich am 5. Februar, dem Tag der heiligen Agathe, die Armen gespeist und beschenkt werden sollten. An ihrem Sterbetag war das Haus, in dem sie lag, außerordentlich erhellt und die Luft von Wohlgerüchen erfüllt. An jener Stelle, wo sie bei ihrem Sturz Rettung gefunden hatte, sprossen aus dem nackten Gestein Rosen und Lilien, wie von der Hand eines Gärtners gepflanzt. Oft sah man nachher am Vorabend der jährlichen Gabenspende eine Frau in blendend weißem Kleide durch das Hospital wandeln und die für die Feier des kommenden Tages bereiteten Vorräte untersuchen, die dann stets besonders ergiebig waren.

Zum Andenken daran findet heute noch in Stein das sogenannte "Striezelwerfen" statt. Am Vorabend des 5. Februar bringen fast alle größeren Bauern Säcke mit selbstgebackenen kleinen Striezeln aus Roggenmehl in die Kirche, wo sie nach einem Totenoffizium für die heilige Hildegard - sie wird dort Liharda genannt - vom Priester gesegnet werden. Am 5. Februar, nach einem Hochamt, werden die Striezel vom Balkon der Ruine auf die harrende Menge geworfen. Es sind an die tausend Menschen, die sich da versammeln und ein segenbringendes Striezel zu erhaschen suchen, denn "es schützt Mensch und Vieh gegen Krankheit und Blitzschlag und verhütet Unfälle auf hohen Bergen." Im Mai veranstalten die Eisenkappler eine Prozession nach Stein, um sich solche Striezel zu holen.

Unter dem Skarbin, auf halber Höhe am Fuße der Felsen über der Annabrücke, finden sich zwei Felsen, der eine mit einem Sitz, der andere mit einer Nische, die nach Art eines Marterls mit bunten Gemälden geschmückt ist. Dort soll die Gräfin Hildegard vom Schloß heruntergestürzt und von Engeln aufgefangen worden sein.

Franz Pehr, Kärntner Sagen. Klagenfurt 1913, 5. Auflage, Klagenfurt 1960, Nr. 43, S. 88