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DIE STEINERNE HAND

Vor lange vergangenen Zeiten kam ein Inntaler nach Kärnten, kaufte sich am Berge ob Kolbnitz ein Grundstück und zimmerte sich aus Baumstämmen eine Hütte. Er sah ärmlich aus, streifte oft tagelang in den Alpen umher und verließ mehrmals im Jahre das Tal für einige Tage. Lange kümmerten sich die Leute wenig um den Eingewanderten, bis es ihnen endlich auffiel, daß er stets vollauf zu leben hatte, trotzdem er weder pflügte noch säte.

Die einmal erregte Neugierde forschte weiter und da entdeckte man, daß seine äußerlich so armselige Hütte innen mit wertvollen Geräten ausgestattet war. Rasch verbreitete sich nun die Kunde, der Inntaler sei ein reicher Mann; nur wie er es geworden, blieb ein Rätsel. Verschiedene Vermutungen wurden laut, aber keine traf das Richtige. Als der alte Mann auf dem Sterbebette lag, rief er seinen Sohn zu sich, übergab ihm das Häuschen und einen bis zum Rand mit Goldmünzen gefüllten Schrein. Dazu sprach er: "Höre mein Sohn! Solltest du je, was Gott verhüten wolle, in mißliche Umstände kommen, so nimm das Ledersäckchen hier und gehe in den Rickengraben hinein zum ,Eck' hin - da wirst du eine Felswand sehen mit drei Rinnen, dabei einen weißen Fleck und noch weiter hin eine steinerne Hand. Zwanzig Schritte davon in der Richtung, welche die Hand dir andeutet, wirst du eine Luke finden und darinnen, wenn du eine Steinplatte abhebst, ein Sieb und eine Haue. Mit der Haue kratze die rote Erde ab, siebe sie aus; den Sand, der im Siebe zurückbleibt, schütte ins Ledersäckchen; und wenn es voll ist, geh damit in die große Stadt beim Wörthersee, frage nach dem Hause, das die Zahl 285 über dem Eingange hat. Dort wirst du für den Sand blanke Taler und Goldstücke bekommen, soviel du brauchst."

Der Sohn des Inntalers, der aus einem armen Schlucker ein reicher Mann geworden war, vergaß gar bald den Verlust seines Vaters. Er begann ein verschwenderisches Leben zu führen, das so lange dauerte, bis der ererbte Schrank geleert war. Da gedachte er der Worte seines Vaters, schnallte sich das Ledersäckchen um den Leib, nahm den alten Knotenstock und wanderte am steilen Felspfade in den Rickengraben. Als er die Höhen erreichte, war ein schweres Gewitter im Anzug. Der Donner rollte im lauten Echo durch die Bergesschluchten und Blitz um Blitz fuhr nieder. Von Nässe triefend, gelangte der Wanderer endlich an den vom Vater bezeichneten Ort. Er sah die Felswand mit den drei Rinnen, ja er bemerkte sogar den weißen Fleck. Sein Herz pochte in freudiger Erwartung. Ängstlich forschte er nach der steinernen Hand, die ihm den Weg zu den Schätzen weisen sollte, aber vergeblich war all sein Forschen - die steinerne Hand war verschwunden. Die Nacht sank nieder und unverrichteter Dinge mußte der Sohn des Inntalers nach Hause wandern. So oft er auch den Weg in den Rickengraben machte -, jedesmal kam er mit leerem Ledersäckchen und betrübtem Gemüte in seine ärmliche Behausung zurück. Aus einem reichen Mann war er wieder der arme Schlucker geworden und mußte durch harte Arbeit sein Leben fristen.

Eines Tages fuhr ein prächtiger Wagen gegen Kolbnitz herauf. Das Gefährte hielt an, ein vornehm gekleideter Herr stieg aus, ging den felsigen Bergpfad hinauf und blieb vor der Hütte des Inntalers stehen. "Wo ist der alte Inntaler?" rief er in die Stube hinein. "Ach Herr, der ist schon lange unter der Erde", erwiderte der arme Tiroler heraustretend und sein Käppchen lüftend. "Ihr seid wohl sein Sohn? Wie kommt 's, daß ihr es ihm nicht nachtut? Alljährlich brachte er mir Goldsand vom Rickengraben und hat sich dabei ein hübsches Sümmchen verdient." Der arme Tiroler erzählte ihm nun seine Geschichte, entdeckte ihm das Geheimnis und wie all sein Forschen und Suchen nach der steinernen Hand und den verborgenen Schätzen vergeblich gewesen sei.

Franz Pehr, Kärntner Sagen. Klagenfurt 1913, 5. Auflage, Klagenfurt 1960, Nr. 57, S. 117