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Der Waidischsee

Hart an der Straße, welche von Waidisch nach Zell führt, liegt ein Teich, der im Volksmunde den Namen Waidischersee führt. Es heißt, daß er eine gewaltige Tiefe habe, so daß man an manchen Stellen mit dem Senkblei keinen Grund erreiche. Schlangen und Riesenkröten sollen sich nach Aussage der Leute darin tummeln.

Vor geraumer Zeit stand an der Stelle des Sees eine schöne Ansiedlung. Gottlose Menschen gab es dort in jenen Tagen mehr als heute. Und so geschah es einmal, daß den Leuten der Gedanke kam, wahrend der Christnacht nackt in der Kirche zu tanzen. Schnell wurden die Kirchenstühle beiseite geräumt, und Männer und Weiber begannen den Reigen. Da, es war kurz vor Mitternacht, öffnete sich das Tor; ein gelbes Vöglein flog herein, setzte sich auf den Hauptaltar und begann zu singen:

"Wenn ihr vom Tanzen aufhört nit,
Werd't ihr zur Hölle gehen mit."

Allein die Tänzer lachten es aus, und einige besonders übermütige Tänzerinnen jagten es in der Kirche herum. Auf einmal schlug es zwölf Uhr. Das Vöglein verschwand, und man hörte ein unterirdisches Sausen und Brausen, das immer näher kam. Mit schreckensbleichen Gesichtern flüchteten die sündhaften Menschen nach der Tür, doch diese wurde von unsichtbaren Mächten zugehalten. Schon hoben sich die Platten des Bodens, ein Wasserstrom stürzte hervor und wuchs mit furchtbarer Schnelligkeit an. Die Musikanten, welche auf den Seitenaltären aufgespielt hatten, erklommen die Heiligenstatuen oder suchten sich an dem Geranke des Aufbaues emporzuwinden. Doch es gab keine Rettung - in wenigen Augenblicken war die Kirche mit Wasser gefüllt und versank in den Fluten. Das war eine furchtbare Gottesstrafe. Am nächsten Morgen spiegelte sich der Himmel in einem tiefen Teiche, von der Kirche war keine Spur mehr vorhanden.

Doch wollen abergläubische Bauern, welche bei Nacht an dem Wasser vorübergingen, aus der Tiefe ein fernes Glockenläuten vernommen haben. Über diese Glocken herrscht bei den dortigen Leuten folgende Meinung: Beim Heinzbauer auf der Rauth, einem Dorfe auf dem Matzen, wird eine Kuh zwei schwarze Kälber werfen; wenn diese groß geworden, werden sie dem Stalle entlaufen und zu dem Teiche eilen, wo ihrer ein Wagen mit den Glocken der versunkenen Kirche harren wird. Diesen werden sie ohne Führer auf den Gipfel des Matzenberges ziehen, wo heute ein Kirchlein steht, der heiligen Jungfrau geweiht. Doch da sich oben schon seit vielen Jahren zwei Glocken befinden, sei der letzten Aussage nicht allzuviel zu trauen.

Quelle: Georg Graber, Sagen aus Kärnten, Graz 1941.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Harald Hartmann, Februar 2006.
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