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Die zierliche Gestalt

Es war am 13. Jänner 1913, als wir, meine Schwiegertochter und ich, nach dem Souper, circa neun Uhr, in der Bibliothek saßen. Meine Enkelin M. war, wie gewöhnlich, um diese Zeit auf die Post gegangen. Mein Enkel L. hatte sich ins Oratoriumzimmer im ersten Stock begeben, kam über den Erker herab und sagte mir, es sei Licht in der Kapelle.

Ich war längst neugierig darauf, dort eine Beobachtung machen zu können, und ging mit L. sofort hinauf, machte die Tür vor dem Kapellenfenster auf und blickte in die Kapelle. Diese war dunkel, und auch als L. mit dem elektrischen Knips hineinleuchtete, war absolut nichts zu sehen.

"Da ist nichts los!" sagte ich, schloß die Tür und wendete mich gegen die Gangtür, um hinabzugehen.

In diesem Augenblick stieß L. einen Ruf der Überraschung aus, und von der Vorzimmerseite her hüpfte eine schlanke, sehr bewegliche Frauengestalt erst an L. vorüber, über das ganze Zimmer an mir vorüber, in so raschem Tempo auf die Gangtür zu, an welcher ich stand, daß eine genaue Beobachtung ihrer Person gar nicht möglich war. Ich hatte den Eindruck, es sei ein dummer Spaß, rief: "Wer ist das? Halt!" und rannte im nächsten Moment durch die offene Tür auf den Gang und der Gestalt nach, die ich nicht erreichen konnte und die, mitten im Gang, plötzlich meinen Blicken entschwand.

L. und ich suchten alsbald die auf den Gang ausmündenden Zimmer ab, ob nicht dort jemand versteckt wäre - vergeblich! Wir gingen dann sofort in die Bibliothek hinab, wo wir Fräulein I. v. E. und M., die eben von der Post zurückgekommen waren, bei meiner Schwiegertochter sitzend fanden. Deren Teilnahme an der Erscheinung war völlig ausgeschlossen. Eine so zierliche und bewegliche Frauensperson, wie die oben im Oratoriumzimmer, ist in Bernstein nicht aufzutreiben.

Diese ist bisher meine erste und einzige Begegnung mit unserer weißen Dame. Ich berichte darüber einfach und ohne den geringsten Aufputz, indem ich erzähle, was ich gesehen habe, der Wahrheit gemäß und auf Ehrenwort, und wolle diese Erklärung den anderen beigefügt werden, die von Personen stammen, die ähnliche Erfahrungen niederzuschreiben Gelegenheit hatten.


Quelle: Schloß Bernstein im Burgenland, W. Erwemweig, Bernstein 1927, S. 69f, zit. nach Sagen aus dem Burgenland, Hrsg. Leander Petzoldt, München 1994, S. 120f.