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Die Seejungfrauen Die Seejungfrauen am Neusiedler See sind überaus schöne Wasserfeen und haben ihre Tummelplätze in den zahlreichen geheimnisvollen Schilfrohrinseln, die den blanken Meeresspiegel mit wogendem Grün beleben. Vor langer Zeit lebte in einem Seedorf ein reicher, doch geiziger Fischer. Täglich brachte er eine Zille (Boot) mit den schmackhaftesten Fischen ans Ufer. Und immer war ihm der Fang zu klein. Noch mehr Gardeen (Reuse, Rohrgeflecht, das zum Fischfang dient) stellte er auf, und selbst die kleinsten Fische konnten ihm nicht entrinnen. Mit der Zeit aber war der Fischreichtum des Sees erschöpft.
Eines Tages, als er mit der Zille den Strand entlangfuhr, gewahrte er ein zerrissenes Netz. Voll Ingrimm ergriff er die Fischgabel, um sie dem Schadenstifter, einem Wels, wie er vermutete, in den beschuppten Leib zu stoßen. Aber plötzlicht tauchte aus den Wellen eine anmutige Wasserfee empor.
Blindlings stieß er mit der Gabel zu. Sterbend hob die Seefrau ihre weiche Hand.
Ihre weiße Gestalt sank unter, auf der Wasserfläche ringelten sich ihre Haarflechten wie goldgelbe Nattern. Der Seegrund erbebte, rabenschwarze Nacht brach herein, ein Sturmwind riß Fischer und Kahn in das offene Wasser hinaus. Vergeblich wartete das Hausgesinde auf die Rückkehr seines Herrn. Als sich auch nach Monaten keine Spur des Vermißten zeigte, teilte es dessen Hab und Gut unter sich auf und verließ das Haus. Langsam vermorschte das Dach des Hauses, und das Mauerwerk versank im versumpften Uferboden. Wenn an stillen Abenden feine Nebelschleier über das flüsternde Röhricht gleiten, hört man vom See her das Aufschlagen und Knirschen einer Zillenstange. Es ist der verdammte Fischer, der mit müder Hand seinen Kahn lenkt und nicht von der Stelle kommt. Und immer wieder erklingt leise das Klagelied der verwaisten Seejungfrauen.
Quelle: Lesebuch für die burgenländischen Volksschulen, Adolf Parr, Teil II, Wien/Leipzig 1929, S. 189f, zit. nach Sagen aus dem Burgenland, Hrsg. Leander Petzoldt, München 1994, S. 259f. |