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DIE WEIßE FRAU

Auf Schloß Bernstein erschien seit dem Jahre 1859 wiederholt die weiße Frau. Im Jahre 1912 zeigte sie sich anläßlich eines Fackelzuges der Dorffeuerwehr der versammelten Familie des Schloßherrn in Anwesenheit vieler Dorfbewohner. Knapp vor dem Weltkrieg soll sie auch erschienen sein und schließlich im Jahre 1921. Seither ist sie auf Bernstein nicht mehr gesehen worden.

Im Kern einer Lichtstrahlung wandelt eine kleine, zierliche Frauengestalt mit reichem, über die Schulter wallendem Haar, traurig ins Leere starrenden Augen, etwas nach links geneigtem Kopfe, an den Hals oder die linke Wange geschmiegten gefalteten Händen. Manche behaupten, die weiße Frau berge mit ihren Händen eine Halswunde, andere wieder wollen sogar den Griff eines Stiletts aus dem Halse hervorragen gesehen haben. Auf dem Kopfe trägt die weiße Frau einen kronenartigen Schmuck und ein weißer Schleier hüllt die ganze Erscheinung ein. An einem Gürtel hängt ein Schlüsselbund. Wer die Ahnfrau gesehen hat, erzählt, daß sie immer die Lebenden mit bittenden und winkenden Gebärden zu bewegen sucht, ihr zu folgen.

Die weiße Frau von Bernstein, um die sich ein ganzer Sagenkranz gewunden hat und von der man auch nicht recht weiß, der Geist welcher Schloßfrau sie eigentlich sei, erscheint im Schlosse bald hier, bald dort, gewöhnlich in den Abendstunden, seltener bei Tageslicht. Sie schwebt gleichsam über die Treppen, durcheilt die Schloßgänge und gelangt schließlich in die Kapelle, in der sie vor dem Altare niederkniet und die Hände zum Gebet faltet. Sodann verschwindet sie. Einige Male blickte sie aus einem Saalfenster in den Schloßhof hinab und jene, die sie gesehen haben, erzählten, daß die kleine Gestalt im hell leuchtenden Fensterrahmen von einem grünen Schein umflossen war.


Quelle: Sagen aus dem Burgenland, Herausgegeben von Anton Mailly, Adolf Pfarr und Ernst Löger, Wien und Leipzig 1931, Nr. 4, Seite 18