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II. Das loßen,
oder:
Über das Glücksuchen und Zukunftforschen des Volkes.

Die Zukunft ist dem Menschen verborgen, und es ist eine rein menschliche Neigung das, was die Gottheit über ihn verhängt hat, erforschen zu wollen, obgleich Weise und Dichter aller Zeiten den Menschen gewarnt haben, er möge nicht „begehren zu schauen, was die Götter bedecken mit Nacht und Grauen“. Gleichwohl finden wir den Vorwitz bei fast allen Völkern des Altertums und der Gegenwart. Der Mensch blickt — wie Göthe sagt — so gern in die Zukunft, weil er das ungefähre, was sich in ihr hin und her bewegt, durch stille Wünsche so gern zu seinen Gunsten heran leiten möchte.

Es ist dieß eine Thatsache, und weil diese Neigung so tief im Volke wurzelt und so weite Verbreitung hat, dürfte es wol der Mühe wert sein, einige Betrachtungen darüber anzustellen und eine Anzahl Belege aus dem Leben des österreichischen Volkes zu liefern.

Die Gabe oder Kunst der Weißsagung hieß bei den Griechen Mantik (μαντική sc. τέχνη), bei den Römern divinatio. Es gab eine natürliche und eine künstliche Divination. Als Arten der natürlichen Divination lassen sich unterscheiden: die Eckstase [Ekstase] (Cic div. I, 31), die Träume und die Orakel. Nach Homer kommt der Traum vom Zeus (και γάρ τ’ỏναρ έκ Διóς έστιν. Ilias I,63). Dadurch offenbart sich dem Griechen die Gottheit unvermittelt, und er unterwirft diese Offenbarung mitunter kunstgerechter Auslegung.

Ich erinnere hier z. B. an Platons „Kriton“, in welchem Sokrates sagt: Es kam mir (im Traume) vor, als ob eine schöne Frau auf mich zu kam, mich anrief und mir sagte: „O Sokrates, möchtest du am dritten Tage in die schollige Phthia gelangen!“ Dieß ist eine Parodie der Worte des Achilles (Ilias IX, 363), und Sokrates bezeichnet mit dieser Deutung seines Traumes den Tod als eine Rückkehr in die Heimat der Helden. Hieher gehört auch der Traum, den Xenophon hatte, kurz bevor er zum Anführer der 10000 erwählt wurde (Anabasis III). Ganz im Sinne des Altertums ist auch der Traum, den Schiller in der Br. v. Messina die Isabella ihren Söhnen erzählen läßt.

Traumdeutungen im germanischen Altertum finden wir in der Edda, namentlich im andern Gudrunenliede (Atli's Träume gedeutet von Gudrun (s. Simrock, Edda 1855, S. 237) und im Atlamal (S. 286).

Auch das deutsche Altertum hatte seine „Traumscheider“ im Sinne von Wahrsager (Grimm Myth. 1098). Traumbücher haben sich bis auf die neueste Zeit erhalten. Ein 1500 in Straßburg gedrucktes Büchlein knüpft an biblisches an und beginnt: „Hye vahet an das büchlin Danielis des ußlegers d' treum. Ich bin Daniel ein Prophet etc. Die ding alle sind mir geoffnet von got“. Darin heißt es z. B. Essich trincken bedeut betrübniß, Esel sehen bedeut auflauff, in kertzen sehen bedeut begrepnuß, ein brinends wachs sehen bedeut freüd, wider sehen bedeut erdbidem etc.

„Träume sind Schäume“, das glaubt bei uns noch nicht jedermann, denn wie viele gibt es, welche in die Lotterie gerade jene Nummern setzen, die sie geträumt haben. Agricola, der scharfsinnige Ausleger von Sprichwörtern (1529 nach Chr.) sagt in der Erläuterung zu „Treume seind lugen“ (Nr. 623): „Treume sind etwas, aber zukünfftige dinge darauß zu erlernen, das ist allein ein gotes gab, der sich niemand leychtlich understeen sol, er habe sie denn“. Daß bei den Traumzahlen die uralte Heiligkeit gewisser Zahlen (vergl. Welcker, griech. Götterl. 1, 81) im Spiele gewesen ist, läßt sich wol vermuthen.

Hieher gehört auch:

Ein schöner tractat: die art und ursach des traumes, wann ime zeglauben sey oder nit, mit ußlegung etc. durch den Doctor Sytz von Marpach, 1515, gedruckt zu Landßhut 4°. Ferner „somnia Samuelis“ in Haupts & H. altd. Blätt. 1,215.

Größere Geltung hat sich die andere Art natürlicher Divination verschafft: das Orakel, durch welchen der Rath des Zeus erspähet ward. Es gab solcher Anstalten zu Dodona, Olympia und zu Delphi. Die Orakel waren meist Spruch- oder Zeichenorakel. Bei letztern weißagte man aus dem geschlachteten Opferthiere, aus den Bewegungen der Blätter der heil. Eiche, aus dem murmeln des Quells etc. Die Zeichendeutung schöpfte den Stoff ihrer Weißagung aus folgenden Quellen: Vögeln, Himmelserscheinungen, Vorbedeutungen (Begegnungen, ähnlich dem mittelalterlichen aneganc Gr. Myth. 1072), Stimmen. Von allem dem werden wir weiter unten Beispiele auch aus unserm Volksleben anführen. An den griech. Orakelstätten hatte eine ansäßige Priesterschaft die Auslegung übernommen. Es ist natürlich, daß sich später bei christlichen Völkern die orakelähnlichen Einrichtungen anders gestalten musten. Die uralte heidnische Verehrung der Quellen und Flüsse hinterließ eine Art Kultus, der theils ein christliches Gepräge annahm, theils rein heidnisch blieb. Wir brauchen nur nach dem Siveringer Brünnlein zu wandern, um zu sehen, daß einige Weiber die Deutung der Zeichen übernommen haben, und dieß, wie jene Priester, zum Erwerbszweige machen, und daneben einen ganzen Cyclus von Mythen hegen. Die Agnes (S. 17 ff.) hat einzelne Züge, die an die Nornen erinnern, die wie die griech. Nymphen an Brunnen und Quellen verweilen (Gr. Myth. 387).

Wir haben eine Menge solcher Jungfernbrünnlein, z. B. bei Reichersberg am Inn in Ober-Österreich, bei Freihöls in der Oberpfalz, bei Herrieden in Mittelftanken u. a. (s. Panzer, bair. Sagen I. S. 105. 159). Wir finden solche Kultusorte, wie die griechischen Orakel, fast überall in wasserreichen Gegenden. Daß die Zauberkunde hauptsächlich alten Weibern eigen ist, hat schon Grimm (Myth. 991) dargethan.

Kommt man Sonntags zum Siveringer Brünnlein, so findet man eine Schar gläubiger und ungläubiger dort gelagert. Nummernzettel werden verkauft, auf Tischen Würfelspiel auf Nummern, und unter dem mit Denktafeln versehenen Baum sitzt eine Alte und liest in den Planeten. Das erinnert an die Stelle:

Ringsher opferten wir den Unsterblichen dort um den Sprudel,
unter des Ahorns Grün, wo entsprang das blinkende Wasser.
Ilias II. 303—305.

Und es geschah ein Zeichen: Ein Drache verschlang acht junge Sperlinge und die brütende Mutter. Das Zeichen hatte ein Gott gesendet.

Das orakelnde Verfahren jener Weiber, die aus dem Namenstage der ihnen zuerst begegnenden auf die Glücksnummern schließen, ist ganz ähnlich den Weißsagungen des griechischen Sehers Kalchas, der in Aulis den abfahrenden Griechen die Dauer des Krieges voraussagt. In der Ilias II. 326 fg. sagt Kalchas, die erwähnte Erscheinung deutend:

Gleichwie jener die Jungen verzehrt und das Weibchen des Sperlings, acht;
und die neunte war der Vögelchen brütende Mutter:
also werden wir dort neun Jahr' auch kriegen um Troja,
doch im zehnten die Stadt voll prächtiger Gassen erobern.

Auch im griechischen Altertum finden wir (zu Delphi) eine Zeichendeutung aus Würfeln und Loßen (vergl. Hermann Altertümer der Griechen S. 244. 247). Dieß gehört schon zur künstlichen Divination, die auf Beobachtung und Deutung gewisser Zeichen beruhet, welche die Gottheit sendet. Daß dieß noch im Mittelalter vorkam, beweisen die Gottesurtheile [Gottesurteile], Hechsenprozesse [Hexenprozesse] u. a., und daß es unter dem Volke noch jetzt zu finden ist, geht aus den Belegen hervor, die wir mittheilen werden. Schon Aristoteles erwähnt der Kunst, aus den Linien der Hand zu weissagen (χειρομαντεία) das können die Zigeuner noch jetzt.

Ausgebildeter war die künstliche Divination bei den Römern; Wir erinnern nur an die omina, die sortes, an die haruspices (Opferschauer) und augures (Vogelschauer). Uns interessieren zumeist die sortes oder Loßorakel, weil die Germanen sich ebenfalls derselben bedienten. Bei den Römern wurden eichene Stäbchen mit eingeschnittenen uralten Buchstaben in dem Tempel der Fortuna aufbewart, durch die Hand eines Knaben gezogen, und darnach die Antwort ertheilt. Dieß geschah zu Präneste und Cäre. Bekannt ist die Stelle bei Horaz: Wahllos zieht die Nothwendigkeit das Loß (sortitur) dem hohen wie dem niedern; alle beweget im Raum die Urne (Oden III, 1; ferner II, 4). Noch verwandter mit der germanischen Weise war das Stabwerfen mit Myrikezweigen auf Lesbos (Hermann, Altert. der Griech. ed. Stark 1857 S. 247).

In Asien ähnliches. Wir finden in der h. Schrift bei Osea 4,12 die Andeutung:

„Mein Volk fragt sein Holz und sein Stab soll ihm offenbaren“ (predigen). Nach dem h. Hieronymus geschah bei den Arabern das wahrsagen aus Stäben so: Man nahm drei Stäbe oder Pfeile; auf dem einen war geschrieben: Herr, befiehl es; auf dem andern: Herr, verbiete es mir; der dritte war ohne Aufschrift. Sie wurden in einen Sack gethan. Zog man den ersten, so war die Sache genehmigt; kam der zweite, so war sie untersagt; brachte man den dritten heraus, so mischte man von neuem. Nach andern schälte man die Stäbchen auf einer Seite und warf sie in die Höhe (vergl. Herodot IV, 67).

Bei slawischen Völkern finden wir die Loße ebenfalls. Von den Rugianern (auf Rügen) erzählt Helmold in seiner Chronik der Slawen: „Der König steht bei ihnen in Vergleich zum Priester in sehr geringem Ansehen, denn er erforscht die Orakelspräche des Gottes (Zwantewit) und den Ausfall der Loße. Er hängt vom Winke der Loße, König und Volk aber von seinem Willen ab.“ (S. 225 in der 19 Lieferung der „Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit“).

Die älteste Nachricht über die Zeichendeuterei und das wahrsagen bei den Germanen haben wir von Tacitus. Diese oft erwähnte Stelle in der Germania cap. 10 lautet: ,

„Auspicia sortesque, ut qui maxime, observant. Sortium consuetudo simplex. Virgam, frugiferae arbori decisam, in surculos amputant, eosque notis quibusdam discretos, super candidam vestem temere ac fortitudo spargunt. Mox, si publice consultatur, sacerdos civitatis, sin privatim, ipse pater familiare, precatus deos, coelumque suspiciens, ter singulos tollit; sublatos, secundum impressam ante notam, interpetatur.”

Also den abgehauenen Zweig eines Fruchtbaumes schneidet man in Reiser, und diese, durch gewisse Merkmale unterschieden, streut man ohne Vorbedacht und auf's Gerathewohl über ein weißes Gewand hin. Dann hebt, bei öffentlicher Berathung, der Priester der Gemeinde, bei Privatangelegenheiten der Hausvater selbst, zu den Göttern betend, dreimal einzelne Reiser auf, und deutet sie nach den eingeprägten Merkmalen. Außerdem befragten sie das Geschrei und den Flug der Vögel, und ließen sich von weißen Pferden weißagen und ermahnen. Zu den fruchttragenden Bäumen gehörte vernehmlich die Buche und die den Stäben eingeschnittenen Runenzeichen galten als Buchstaben (s. Wackern. Littgesch. 12). Auch die Frauen waren mit Deutung der Runen vorzugsweise vertraut (Gr. Myth. 84. 376.) Das Wort Rune hat sich noch in den Wörtern Alraun, raunen erhalten.

Durch G. Homeyer (über das germanische loßfn, 1854 Berlin) ist nachgewiesen, daß mit der sortiumconsuetudo friesische Rechtsgebräuche übereinstimmen. Noch im Mittelalter beruhte ein Theil der Weissagekunst auf dem werfen und deuten des Lößes (Grimm Myth. 989 und 1064). Dieses Loß aber, im mhd. Iôz, bedeutet wohl ursprünglich ein geschnittenes Stück Holz, und der Begriff von Zufall, Antheil, Schicksal, Glück hat sich später damit verbunden. Auch das lateinische sors bedeutet ursprünglich das Hölzchen, Zettelchen, später Antheil, Stand (sors tua mortalis, in Ovids Met.). In einem lateinisch-deutschen Wörterbuche „gemma gemmarum“ (Hagenau 1518) finde ich sors erklärt als gluck, abentyr, pars vel eventus vel fortuna vel responsus; vel est oraculum vel ars vel instrumentum dividandi. Sortiri = sortes divinare vel retribuere, loßen vel uberkumen. Sortileges = Zauberer.“

Das Wort sors, sortis gehört offenbar zu einer Wurzel mit serere, έρεĩν; dann ist sors gleich Antheil, das zugetheilte (Grimm Rechtsalt. 534), goth. hlauts, ahd. hluz und hlôz. das durchs Loß zugefallene Grundstück (Grafs Sprachsch. IV, 1124), bairisch der Luß (Schmeller II, 504). Auch in Ober-Österreich (Höfer etymol. Wörterbuch II, 225) ist der Lus, das Lüssel üblich im Sinne von portio, pars (bei Wald und Feldern.)

Daß und zu welchen Zwecken man im 18. Jahrhundert das Loß warf, erfahren wir aus einem gleichzeitigen Werke von 1472 „Summa Johannis von Bruder Berchtold“ (Augsburg): „Loß werffen um heymlich ding zu erfahren ist sünde, aber wenn man das tut durch frids willen ais ob man gut soll teylen oder ander zeytlich ding ze frid setzen, das war nit sünd, und in geystlichen fachen da man den heyligen geyst an rüfft als in erwelung der prelaten, da war loß werffen auch nit sünde. Auch in nöten wenn man loß muß werffen, daz sol man tun mit gepet als die apostel täten umb mathiam, daz war auch nit sünde. Aber on not, das war got versuchen.“

Das Loßwerfen bei Theilungen ist auch bekannt aus der heiligen Schrift: „Und da sie ihn gekreuzigt hatten, theilten sie seine Kleider und warfen das Loß darum, welcher was überkäme“. Evang. Mark. 18,24. Psalm 22,19.

Wenden wir uns nun zu dem vorzüglich in Österreich und Baiern üblichen lösseln oder losengehen. Dieß geschieht noch jetzt zur Zeit der Rauhnächte (in Norddeutschl. Zwölften) namentlich am Thomasabend, Christabend und am Dreikönigstage.1) In dieser Zeit ist das Bleigießen, Brunnenschauen, Schuhwerfen etc. unter dem Volke gebräuchlich.

1) Die 13 Tage, in welchen den Göttern und Geistern noch eine gewisse Macht gelassen ist, schicken sich überhaupt zur Weissagung — sagt J. Grimm (Haupt, Zeitschr. 4,510), der über dieselbe Sitte aus Småland (in Schweden) berichtet. Die den „Jahrsgang“ gehen, wählen auch in Schweden die Thomasnacht, Julnacht, Stefansnacht, Neujahrsnacht, und die Dreizehntentagesnacht. Ein wesentliches Stück des Naturglaubens und der Volkssitte gründet sich auf die Naturanschauung, insbesondere auf den Gegensatz und Wendepunkt der beiden Jahreszeiten: Sommer und Winter.

Sehen wir vorerst auf die Schreibung des Wortes, so muß man loßen (mhd. liezen) d. h. wahrsagen von losen (mhd. losen) d. h. horchen, wohl unterscheiden. Theils die Art und Weise des Zukunftforschens, theils die Abschwächung des z, (ß) zu s (wie daz -das etc.) in der Aussprache, haben beide Wörter vermengt. Die Schreibung losen (in der Schweiz wird o kurz gesprochen), passt nur für das mhd. und für das alem. Verbum st. lauschen, horchen („auf den Jeger losen“ Uhland, Volksl, 1,239); dagegen loßen, das Loß etc. sollte man, um falsche Deutung zu vermeiden, mit dem historisch richtigen ß schreiben. Das schwache Verbum lôze (weissage) stammt von dem starken liuze, Prät. lôz, luzzen, Part. gelozzen, d. h. das Loß werfen, zaubern, wahrsagen. Man sollte daher auch Loßung (Loßzeichen) statt Losung schreiben; ob im Sinne von Erkennungszeichen der Waffengenossen (Losungswort) auf losen (— aufhorchen) zurückzuführen ist, scheint zweifelhaft. Bei Seb. Frank, Chron. Germ. 1538 S. 194 finde ich: „Da hett deß bapsts heer das loß „Hie Guelf“ etc. Nauclerus setzt Keyser Konrad sei zu Weyblingen gezogen worden, daher haben sich die keyserlichen in irem loß Guaibelini genent.“ Bemerkenswert ist auch das loßen der Brüdergemeinde: Die Vorsteher, wählen Bibelsprüche und ziehen für jeden Tag des Jahres einen Spruch. Das ist offenbar auf den Begriff des alten liezen zurückzuführen, und es sollte loßen, Loß geschrieben werden. Auch das in der Lotterie gebräuchliche Wort Los, losen würde besser Loß, loßen geschrieben, denn das Wort Lotterie selbst bedeutet Glücksspiel in Loßen, und die romanischen Wörter lot, lotto stammen aus dem gothischen hlauts. Das mhd. Wort lôt bedeutet ursprünglich das gießbare, schmelzbare Metall, das Blei, später Gewicht. Also auch im Bleigießen liegt ein Berührungspunkt mit dem Begriffe loßen. Es sei hier noch erwähnt, daß im Mittelalter ein „loterholz“ zum weißagen gebraucht wurde, ein Zauberholz, welches umläuft (Gr. Myth. 2063), und von dem wir noch Spuren in Gesellschaftsspielen haben, wie denn das Wort lotter selbst mit dem latein. ludere (spielen, d. h. sich hin und her bewegen) verwandt zu sein scheint. Daß in unserm Volksaberglauben die verschiedenen Bedeutungen von loßen und losen in eine verschmelzen, daß also loßen und ablauschen häufig zusammenfallen, hat eben seinen Grund in der Art und Weise mancher Gebräuche, die sich auf Erforschung der Zukunft beziehen. Das nied. österr. liesen (S. 348) weiset noch auf das alte liezen.

Das liesen- oder losengehn finden wir vorzugsweise in Süddeutschland, namentlich in Österreich. Hier geschieht es im Mitte Winter, während der Rauh- oder Rauchnächte, meist in der Thomasnacht. In welcher Beziehung die Sitte zu dem Heiligen steht, ist schwer zu sagen. Thomas ist der schwergläubige, der Zweifler, Im christlichen Kalender beherrscht er (wie Saturn) die Wintermitte (21. Dezember). Er sieht die geistige Sonne nur aus der Ferne, und die Legende läßt ihn zur Bekehrung der Heiden in weite Fernen wandern.

Die Thomasnacht haben sich alle erkoren, die zu sehen und zu hören glauben und doch nichts sehen noch hören.

Im westlichen und nördlichen Deutschland geschieht das loßen mehr in der Andreasnacht (vergl. Gr. deut. Sag. I, 414 ff.; Sommer sächs. und thüring. Sag. 162; Meier schwäb. Sag. S. 454; J. W. Wolf, Beiträge 1, 121 fg.)

Der Theil des Aberglaubens, den wir loßen nennen, hat jetzt natürlich einen andern Charakter als im Mittelalter. An der Scheide desselben (im 16. Jahrh.) war der Glaube an Zauberer, Teufel und Hechsen [Hexen] weit verbreitet.

Das zukunftschauen, überhaupt das loßen, namentlich wenn es auf Kreuzwegen geschieht, steht der Zauberei ziemlich nahe; beides bietet auch sonst manche Berührungspunkte; aus dem Zeitalter des zauberns und der geheimen Künste (13. und 16. Jahrh.) scheint noch mancher Rest sich auf die Neuzeit fortgeerbt zu haben, der dann aber meist ein geselliges Gepräge angenommen hat. Nach den alten Urkunden hatten jene Gebräuche einen weniger unschuldigen Charakter, darum haben Kirche und Staat dieselben streng verpönt. In einem Werke aus dem Jahre 1472 (Summa Johannis, von Bruder Berchtold. Augsburg) heißt es u. a. in dem Kapitel von zawberey und von heimlichen und zukünfftigen Dingen ze wissen: „Es arbeyt der mensch mit dem bösen geyst, den er pitt, ladet und bannet daz er im offenbarlich erscheine oder heimlich und zukünfftige ding sage, und das tut der böß geist etwen und erscheinet dem menschen in den figuren der creaturen , als etwen in einer forme der tier, und etwen in einer forme eins menschen, auch etwen in figuren des Wassers, der stein und der bäum etc. Auch etwen bitt der mensch den bösen geist, daz er im etwas in dem schlaff offenbare, als in dem träum ze wissen das heimlich und zukünfftig ist.“ Dieß alles wird als Sünde bezeichnet und dem bösen Geist zugeschrieben , was meines Wissens bei dem jetzigen Aberglauben nicht mehr der Fall ist. Über die Gebräuche des 13. Jahrhunderts berichtet das Buch ferner: „Auch arbeitet der mensch etwen, zukünfftige ding ze wissen, mit künsten an den gestiren, in den Flammen des fewrs, in dem Wasser oder in den figuren der hende, oder mit punctieren in die erden oder mit ander weyse wie das geschicht, daz ein mensch will wissen die ding die über natürliche bekanntnuß seind, der tut sünde. Auch ein mensch der da ficht die bewegung etlicher creaturen, als den lauff und den gang der fisch und der thier, und den flug der vogel und iren gesang und nach dem gemerck zukünfflige ding sagent, die über die natur seiend, wer das tut, der tut todsünde.“ Dann wird ermahnet über sieche und kranke das pater noster und den Glauben zu sprechen und „nit über einen groben steyn, noch über ein holz, noch über gürtet, und desselben gleichen, das nit krafft hat zu gesuntheit.“

Ein anderes Werk, das um ein Jahrhundert später, im Jahre 1592 in München gedruckt ist:

Tractat von Bekanntnuß der Zauberer etc. (deutsch durch Bernhart Vogel, Assessor des Stadtgerichts) nennt vier Arten des Aberglaubens (jedoch nach St. Augustin): Abgötterey, Wahrsagung, ungewohnlicher Gottesdienst, eitele Auffmerckung auff ein Ding. Das 2. und 4. ist das was wir hier loßen nennen. Loßer wären demnach solche, die aus Gesichten (Träumen) , aus Figuren, Bewegungen, Zusammenstellungen und Tönen dasjenige wahrsagen, was für jemanden in Zukunft von Gott bestimmt ist. Es gehören also zu den Loßern auch die in obigem Traktat genannten „Landstertzer, von der Gallis Ägyptii, von den welschen Zingari, von den teutschen Heiden genannt.“ Ebenso gehören zum loßen die s. g. Loßtage, gereimte Wetterregeln etc., z.B.

Pauli klarer Sonnenschein
bringt uns gutes Jahr herein etc.

Ferner gehören hierher die Glücks- und Unglückstage, und unzähliche andere Dinge, die aus vielen Landestheilen bereits gesammelt den Volksüberlieferungen beigefügt sind.

Die Gebräuche, die wir nun folgen lassen, gehören alle in den Bereich des von J. Grimm (Myth. 1089) sognannten „thätigen Aberglaubens“. Er wird natürlich mehr von weiblichen als von männlichen Personen ausgeübt. Der Vorwitz bezieht sich ja hauptsächlich auf den künftigen Freier. Ein bezeichnender Zug dabei ist das rückwärts gehen (vergl. Gr. Myth. 1071), das verkehrt legen oder stellen, selbst das rückwärts beten. Offenbar soll dadurch dem „Zufalle“ ein größerer Spielraum gegeben werden.

Die Art des loßens ist verschieden. Entweder beruhet es auf dem Augenschein oder auf Begegnungen oder auf dem bloßen Spiele des Zufalls. Zum letztern gehört z. B. das ziehen des Loßes, das Würfelspiel, das entblättern einer Blumenkrone, das abzählen an Knöpfen (soll ich, soll ich nicht; er liebt mich, er liebt mich nicht) u. s. w.

Man kann nicht über jede Art des loßens den Stab brechen. Hat es im gesellschaftlichen Leben seine Quelle, so dient es zur Erheiterung und gibt dem sonst so poesielosen Leben der ärmern Klasse eine gewisse Mannigfaltigkeit.

Aberglaube ist ein Überglaube (super-stitio), und das Volk wie manche große Männer werden seiner nie ganz ledig gehn; die einen erfüllt er mit Furcht, die andern mit Trost. Darum wollen wir ihm aber nicht das Wort reden.

Quelle: Mythen und Bräuche des Volkes in Österreich. Theodor Vernaleken, Wien 1859. S. 317ff
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Claudia Hackl, Mai 2005.