SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Allgemein >> Mythen und Bräuche des Volkes in Österreich

   
 

65. [Die Druden]

Überlieferungen von Truden, die auf Valkyrien zurückweisen (Grimm Myth. 394), wie z. B. die bei Panzer (bair. Sag. 1,88), scheinen in Österreich nicht mehr vorzukommen. Was sich vorfindet, ist offenbar neueres Ursprungs und hat nahe Verwandtschaft mit dem Hechsenglauben [Hexenglauben].

Unter den Druden stellt man sich in Nied. Österreich solche Weiber vor, welche sich in ihrem äußeren von den übrigen nicht unterscheiden, und von einer überirdischen Macht gezwungen werden, ihre Mitmenschen dadurch zu quälen, daß sie sich des Nachts mit ihrer ganzen Schwere auf dieselben setzen und sie auf das unbarmherzigste drücken. Die Druden sind in der Zeit, in welcher sie drücken, ganz anders als zur Zeit, in welcher sie unter den Menschen wandeln; sie sind häßlich und alt und haben statt der gewöhnlichen Füße Drudenfüße, das sind solche Füße, welche drei lange Zehen haben, von denen zwei nach vorn gekehrt sind und eine nach rückwärts. Sie sind nicht an irgend einen Eingang gebunden, sondern sie können auch durch das Fenster oder durchs Schlüsselloch in die Zimmer gelangen, und werden nicht durch geweihte Gegenstände zurückgehalten. Derjenige, welcher von einer Drud gedrückt wird, sieht dieselbe kommen, ist aber nicht im Stande, auch nur ein Glied zu bewegen. Die Drud spricht nichts und macht auch kein Geräusch, sondern setzt sich lautlos auf die Brust. In ihren Zügen liegt immer etwas schadenfroh lächelndes, als ob sie sich über die Qual freueten, die sie ihren Mitmenschen bereiten. Die Druden sind gewöhnlich mager und blaß, aber sehr schwer. Die Zeit, in der sie erscheinen, ist die Mitternacht. Über das fortgehen der Druden weiß niemand Bescheid zu geben, denn man sieht sie wohl kommen , aber sie verschwinden allmälich wieder wie ein Traum, an dessen Ende man sich des Morgens nicht mehr erinnern kann. Die Weiber, welche das Schicksal haben, Druden zu sein, wissen es, aber sagen es niemandem. Mit dem sogenannten „drückengehen“ der Druden hat es folgende Bewandtnis:

Der Leib der Druden bleibt während des drückens an der Stelle, wo sich dieselben in natürlichem Zustande vor dem drückengehen befanden, und nur der Geist wandelt fort zur quälenden Arbeit; daher wissen die Druden wohl, daß sie drücken geben müssen, oder daß sie irgend jemanden gedrückt haben, aber wer der unglückliche war. den sie drückten, wissen sie nicht, weil ihr Geist nicht bei dem Körper war.

Eine arme Wäscherin, welche ein altes Pferd hatte, welches sie benützte, um ihre Wäsche hin und her zu tragen, hatte eine Gehülfin, mit welcher sie oft bis tief in die Nacht wusch. Eines Nachts, als es schon stark auf Mitternacht gieng, und die beiden wieder fleißig wuschen, wurde die Magd immer unruhiger, wich aber den wiederholten Fragen über ihre Unruhe jedesmal aus. Endlich, als die Turmuhr zwölf schlug, wurde sie ganz blaß und starr, die Wäsche fiel ihr aus den Händen, und sie blieb wie angewurzelt, mit geschlossenen Augen, wie in einem tiefen Schlafe, vor dem Waschtroge stehen. Die erschrockene Wäscherin wuste sich nicht zu helfen, sie schüttelte und schlug sie, aber alles half nichts, sie kam erst eine Stunde nach Mitternacht wieder zu sich und wusch dann wieder fort wie früher. Die Wäscherin fragte nun, was für eine Bewandtnis es mit jenem seltsamen Schlafe habe. Und diese sagte ihr, daß sie eine Drud sei, und jede Nacht drücken gehen müsse, sie könne aber dadurch erlöst werden, daß ihr jemand freiwillig erlaube, ein Thier, welches ihm sehr nützlich oder sonst sehr wert sei, zu erdrücken. Mit schwerem Heizen erlaubte die Wäscherin der Drud, ihr einziges Pferd zu erdrücken, was diese auch wirklich in der nächsten Nacht that. Durch dieses große Opfer war die Drud erlöst, und brauchte nie mehr drücken zu gehen.

Es gibt Mittel sich der Druden zu entledigen. Wäre man z. B. in demselben Augenblicke, wenn eine Drud in das Schlafgemach kommt, im Stande ihr das Kopfküssen vor die Füße zu werfen, so könnte sie sich nicht von der Stelle bewegen, und man sähe dann des andern Morgens die Drud in ihrer wahren menschlichen Gestalt; weil man aber in den meisten Fällen durch den Schrecken über das erscheinen der Drud wie gefesselt ist, so gelingt dieses Mittel nie. Ist man im Stande, während man gedrückt wird, zur Drud zu sagen: „Komm morgen um Salz zu mir“, so muß dasjenige Weib, welches diese Drud war, des andern Tages kommen und den gedrückten um Salz ersuchen. Kommt dann wirklich durch Zufall jemand aus der Nachbarschaft und bittet um Salz, so sagt man: Das ist eine Drud. Wenn in einem Zimmer drei Lichter brennen, so glaubt man, es könne keine Drud in dasselbe kommen, oder wenn man auf jeden Eingang einen Drudenfuß zeichnet, oder alle Riegel mit Schnüren zubindet, so kann ebenfalls keine Drud in das Gemach gelangen.

Quelle: Mythen und Bräuche des Volkes in Österreich. Theodor Vernaleken, Wien 1859. S. 268ff
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Claudia Hackl, April 2005.