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Das weiße Männlein

Als ein Bauer bei Hennersdorf auf einem Acker das schon überreife Korn schnitt und sich abmühte, schnell fertig zu werden, damit ihm durch den raschen Ausfall der Frucht kein zu großer Schaden erwüchse, kam ein weißes Männlein daher, das vor dem Fleißigen allerlei Kapriolen trieb und ihn an der Arbeit hinderte. Vergeblich waren die Beteuerungen des Bauern, auf die große Arbeit hinweisen, daß er jetzt keine Zeit zur Unterhaltung habe; das weiße Männlein gab keine Ruhe und hielt ihn durch neue Schwänke bis zum Abend von der Arbeit zurück.

Ärgerlich über die verlorene Zeit ging der gutmütige Bauer nach Hause und dennoch mußte er noch im Bette lachen, wenn er an die Tollheiten des Männleins dachte, das so schnell vor ihm erschienen und ebenso schnell wieder verschwunden war.

Als der Bauer aber am frühesten Morgen des nächsten Tages auf das Feld eilte, bereute er seine Gutmütigkeit nicht; denn das ganze Korn am Felde war nicht nur geschnitten, sondern die Garben sogar zu Bündeln gebunden. Das hatte über Nacht das weiße Männlein getan.

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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