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Das verwunschene Schloß

Vor vielen Jahren hatte sich eine Bäuerin aus der Umgebung von Aspang am Wechsel mit ihrem Töchterlein am heiligen Fronleichnamstage in den Wald begeben, um Erdbeeren zu sammeln und sah sich plötzlich vor einem prachtvollen Schlosse, dessen Torflügel weit geöffnet standen. Mit Erstaunen bemerkte sie in dem Vorhofe des verlassen scheinenden Schlosses mehrere Bottiche, vollgefüllt mir blinkendem Golde. Beherzt trat die Frau mit ihrem Kinde ein und füllte die Schürze und Taschen mit den verführerischen Goldfüchsen, die in ungeheuren Massen da aufgestapelt lagen. Ihren landesüblichen Tragkorb hatte sie draußen abgestellt. Als nun Schürze und Taschen eine weitere Füllung nicht mehr zuließen, begab sie sich vor das Schloß, um ihre kostbare Last in den Tragkorb zu schütten und dann die Sammlung der blinkenden Münzen mit neuen Kräften in Angriff nehmen zu können. Das Töchterchen hatte sie inzwischen bei den Geldfässern im Schloßhofe zurückgelassen. Als die Bäuerin nun den ersten Teil des auf so leichte Art gehobenen Schatzes im Tragkorbe untergebracht hatte und sich eben umwandte, um wieder dem Schlosse zuzuschreiten, da – wer beschreibt ihr Entsetzen – waren die Geldfässer, das Schloß und auch ihr einziges Kind verschwunden.

Vor Schreck und Gram halb gelähmt, wankte die Bäuerin nach Hause. Daselbst angekommen, suchte sie unverzüglich den Pfarrer auf, dem sie das Erlebte erzählte und ihren namenlosen Kummer um das verlorene Kind klagte. Inständigst bat sie den greisen Seelenhirten um Rat, was sie zu tun habe, um wieder in den Besitz ihres einzigen Kindes zu kommen.

„Vergebens ist all dein Mühen,“ sagte der hochwürdige Herr nach langem Nachdenken, „vor Jahresfrist wieder dein Kind an dein Herz zu drücken. Aber genau nach einem Jahre, am selben Tage und zur selben Stunde finde dich an demselben Orte ein und du wirst dein Kind wieder sehen.“

Mit schwerem Herzen fügte sich die Mutter in ihr Geschick. Endlich war das Jahr um. Als nun zur selben Stunde des heiligen Fronleichnamtages, zitternd an Händen und Füßen, die Bäuerin sich an der wohlbekannten Stelle einfand – da stand abermals das Schloß in feenhafter Pracht vor ihr, abermals blinkten die Goldmünzen vom Hofe her aus dem offenen Schloßtore zu ihr und bei den Goldfässern saß wohlbehalten, gesundheitstrotzend und ruhig einen Apfel verspeisend, ihr verlorenes Kind. Mit einem Freudenschrei stürzte sie hinein und riß das Kind mit sich fort. Kaum hatten sie das Tor hinter sich, auf das sie noch scheu zurückblicken wollten, - war auch von dem Schlosse nichts mehr zu sehen.

Nach Dr. M. E. Weiser

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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