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Die steinerne Spinnerin

Im Weichselboden, einer Gebirgsgegend der oberen Steiermark, lebte einmal eine Dirne, die aus dem, was bei anderen eine Tugend ist, eine Sünde machte. Sie war überaus fleißig und emsig, das konnte ihr niemand abstreiten; schon am frühen Morgen saß sie beim Rocken und ließ den Faden durch ihre Finger laufen und noch spät in der Nacht beim flakernden Span schnurrte ihr Spinnrad. Daran wäre nun wohl nichts zu tadeln gewesen; allein sie ging zu weit; denn selbst am Tage des Herrn ließ sie die Arbeit nicht ruhen, und während die anderen Dirnen sich aufmachten und der entlegenen Kirche zueilten, sagte sie: „Ei, das wäre mir leid um die Zeit! Die Stunden, die ihr auf dem Wege zur Kirche zubringt, kann ich beim Rocken verwenden.“ Das war nun wohl keine fromme Rede; denn der Himmel selbst will ja, daß der Mensch sechs Tage in der Woche arbeite, am siebenten aber ruhe. Zudem tat sie das nicht aus Liebe zur Arbeit, sondern aus Habsucht, weil es sie verdroß, eine arme Dirne zu heißen, und weil sie um jeden Preis reich werden wollte. Gar oft warnten sie die Nachbarn und hielten ihr vor, daß es eine Sünde sei, den Tag des Herrn zu entweihen und daß es nicht fromme, wenn man die ganze Welt besäße, an seiner Seele aber Schaden litte. Allein die Dirne hatte für Ermahnungen und Zurechtweisungen kein Ohr, sondern wies sie trotzig zurück und sagte einmal: „Sagt, was ihr wollt; ich aber sage: Warum hat mir’s der liebe Gott so sauer gemacht, mir einen Brautschatz zu erwerben? Warum hat er mir nicht Geld und Gut gegeben wie anderen Dirnen? Aber ich will ihm zeigen, daß ich nicht anstehe auf seine Gnade. Mir selber will ich’s zu danken haben, was mir im Leben weiterhelfen soll; darum will ich Tag und Nacht am Rocken sitzen und spinnen, und sollt’ ich so lange spinnen, bis von Mariazell der letzte Wallfahrer gekommen ist!

Diese übermütigen Worte waren nicht in den Wind gesprochen. An einem stürmischen Wintersonnentage, während die frommen Gemeindemitglieder in der Kirche waren und die habsüchtige Spinnerin eben wieder zu Hause saß und, der Andacht ihrer Nachbarinnen spottend, ihr Rädchen drehte, brauste ein wilder Orkan daher, zerschellte die Hütte, worin sie hauste, wie eine Nußschale, faßte sie samt ihrem Rade, trug sie im Wirbel fort und setzte sie auf einem hohen Felsen ab, wo sie zur Strafe für ihre Gotteslästerung und unheilige Geldgier zu Stein erstarrte. Wohl hörten die Leute in der Kirche das dumpfe brausen; allein sie ließen sich in ihrer Andacht nicht stören, sondern dankten vielmehr Gott, daß sie innerhalb der Wände ihres Tempels vor dem Unwetter geschützt waren.

Als aber der Sturm sich gelegt hatte und sie heimkehrte und an der Stelle vorüberkamen, wo vor einer Stunde noch das Hüttchen der Spinnerin gestanden, da erblickten sie mit Schaudern den Greuel der Verwüstung und starrten sprachlos zu dem Felsen empor, auf dem die Dirne nun samt ihrem Spinnrade als Warnungszeichen für Kindeskinder saß.

Und so sitzt sie noch immer dort. Wohl hat die Zeit die Umrisse der Gestalt schon undeutlicher gemacht, aber das Rad ist noch zu erkennen, und das Auge dessen, der sie Sage weiß, findet auch bald die Spinnerin heraus. Noch immer pilgern die frommen Wallfahrer nach dem Gnadenorte Mariazell und die Spinnerin wird lange sitzen müssen, wenn die Stunde der Erlösung nicht eher schlagen soll, als bis von Mariazell der letzte Wallfahrer heimkehrt.

Johann Gabriel Seidl

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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