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Die musizierende Tanne

Ein Jäger, der sich auf dem Wege über den Arlberg verspätet hatte, schlug sein Nachtquartier unter einer Tanne auf und schlief, weil er müde Knochen und ein gutes Gewissen hatte, bald ein. Um Mitternacht erwacht er plötzlich und sieht das Nachtvolk heranziehen. Schleunig schlägt er sich in den Busch und lugt durch das Gestrüpp, was die unheimlichen Gäste wohl beginnen mögen.

Die kommen näher, stellen sich unter der Tanne auf und nun – welch ein Wunder! Beginnt der Baum lieblich aufzuspielen. Ein Ästchen bläst die Flöte, ein anderes Klarinette, wieder ein anderes bläst die kleine Pfeife und nun hebt das Nachtvolk die Beine und tanzt rund herum, daß der Staub davonfliegt.

Nach einer Weile folgt eine Schar Katzen die Straße herauf, die schleppen Wein herbei. Da hat der Tanz sein Ende; rasch wird ein Faß angezapft und nun zecht die Schar lustig bis zum frühen Morgen.

Als die ersten Sonnenstrahlen auf die Wipfel fielen, stob der Haufen nach allen Seiten auseinander wie Nebelsträhne und auch der Jäger ging nachdenklich seiner Wege.

Hans Fraungruber

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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