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Die dankbare Maus

Vor langen Jahren ging ein armer Krämer durch den Böhmerwald gen Reichenau. Er war müde geworden und setzte sich, ein Stückchen Brot zu verzehren, das einzige, was er für den Hunger hatte.

Während er aß, sah er zu seinen Füßen ein Mäuschen herumkrabbeln, das sich endlich hinsetzte und aufschaute, als erwarte es etwas von ihm. Gutmütig warf der Krämer dem Tierchen einige Krumen hin, so not es ihm selber tat, die es auch gleich wegnagte. Dann gab er ihm, solange er noch etwas hatte, immer sein kleines Teil, so daß sie ordentlich zusammen Mahlzeit hielten.

Nun stand der Krämer auf, einen Trunk Wassers an der nahen Quelle zu tun; als er wieder zurückkam, siehe, da lag ein Geldstück auf der Erde und eben kam die Maus mit einem zweiten, legte es dazu und lief fort, das dritte zu holen. Der erstaunte Krämer ging nach und sah, wie sie in ein Loch lief und daraus das Geld hervorbrachte. Da nahm er einen Stock, öffnete den Boden und fand einen großen Schatz von lauter alten Goldstücken. Er hob ihn heraus und sah sich dann nach dem Mäuslein um; aber das war verschwunden. Nun trug er voll Freude das Gold nach Reichenau, teilte es halb mit den Armen und ließ von der anderen Hälfte eine Kirche bauen.

Diese Geschichte ward zum ewigen Angedenken in Stein gehauen und ist noch heut in der Dreifaltigkeitskirche zu Reichenau in Böhmen zu sehen.

Brüder Grimm

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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