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Das Waldweiblein im Jeschken

Im Nordosten Böhmens hebt der alte, mit mächtigen Quarzfelsblöcken bedeckte Jeschken sein ernstes Haupt empor. Er ist von einem harzduftenden Bergkranze umschlossen. Lustige Vögel jubilieren im Grün und kristallhelle Bäche ziehen geschwätzig ihre Wege.

In diesem Berglande hausten vordem muntere Waldweiblein und trieben allda ihr gutmütiges Wesen.
Einmal gingen zwei Mägdlein hinaus in den Wald, um Beeren zu pflücken. Es war ein wunderhübscher Tag. Die Kinder durchstreiften den Wald und pflückten blaue Heideln und brennrote Preiselbeeren in ihre Krüge, und als die voll waren, sagten sie zueinander: „Kommt, jetzt gehen wir wieder heim!“ Und sie gingen. Aber sie kamen immer tiefer in den Wald und wußten zuletzt nicht, wo sie waren. Da wurde den Kindern angst und sie weinten.

Auf einmal stand ein munteres Waldweiblein vor ihnen und sprach: „Kindlein, was weint ihr denn?“ Die Kinder aber schauten das kleine Ding an, rieben sich die Augen und sprachen: „Wir können nicht mehr heim!“ – „Seid nur still!“ sprach das Weiblein, „ich werde euch heimführen!“ Das hörten die Kinder gern und sie sprachen: „So führe uns!“ Und sie folgten dem Weiblein durchs Dickicht nach, bis sie am Waldessaume angelangt waren. Da sahen sie wieder den blauen Himmel und die goldene Sonne und ihres Vaters Haus. Nun riefen sie: „Schaut, dort steht unser Haus!“ und zeigten mit dem Finger hin.

Als sie aber in ihre Krüge sahen, waren diese halb leer; denn sie hatten die Beeren wieder im Dickicht verschüttet. Da setzten sie sich nieder in das Heidelbeergesträuch und pflückten von neuem. Das Weiblein half ihnen redlich.  Als die Krüge ganz voll waren, sagte es: „Kraut mir doch ein bißchen den Kopf!“ Die Kinder sprachen: „Du hast deine Haare ja von Flachs und ganz verwirrt!“ „So müßt ihr nicht sprechen,“ sagte das Weiblein, „meine Haare sind nicht von Flachs und ich geb’ euch einen Kamm, womit ihr mich kämmen möget!“ Und es gab den Kindern einen Kamm. Sie kämmten die Haare des Weibleins recht behutsam und da wurden sie wieder hübsch und glatt. Darüber hatte das Waldweiblein sehr viel Freude und sprach: „Vergelt’s euch Gott! Den Kamm möget ihr behalten und euch auch damit kämmen.“ Da freuten sich auch die Kinder; denn sie hatten noch keinen so schönen Kamm gesehen. „Saget nichts von dem Kamme und von mir!“ befahl das Weiblein, dann war es weg.

Die Kinder gingen heim und sagten von dem Kamme und dem Weiblein nicht eine Silbe. Alle Tage aber kämmten sie sich in dem nahen Wäldchen mit dem goldenen Kamme, wo es niemand sehen konnte. Und da bekamen sie auch solch goldenes Haar, wie das Weiblein gehabt, aber es war lockig, und Wänglein bekamen sie, die lachten wie rote Äpflein. Darüber verwunderten sich Vater und Mutter und die Nachbarn und alle hatten besonderes Wohlgefallen an den Kindern. Weil diese aber alle Tage insgeheim sich in das Wäldchen stahlen, um sich dort mit dem Wunderkamme zu kämmen, fiel es den Eltern auf und sie sprachen: „Kindlein, was macht ihr denn immer im Haine?“ Da kicherten die Mädchen verstohlen und schwatzten es zuletzt aus: „Wir haben – wir haben einen Kamm, einen solch schönen Kamm von dem Waldweiblein bekommen, mit dem wir uns immer kämmen.“ Da ließen sich die Eltern den Kamm zeigen und fanden, daß er von purem Golde sei. Da schlugen sie vor Verwunderung die Hände zusammen. Der Kamm aber brachte den Eltern viel Gewinn; denn viele Leute, besonders Mägdlein, kamen von nah und fern, weil sie alle schön sein wollten. Bald darauf verlor aber der Kamm seine geheime Kraft, weil die Kinder so geschwätzig gewesen.

Nach Josef Taubmann

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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