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Schreckenwalds Rosengärtlein

Auf dem hohen Aggstein unerhalb des Klosters Melk hauste einmal ei furchtbarer Raubritter, der die ganze Gegend unsicher machte. Sein Name war Schreckenwald. Hoch auf der steilen Felsenspitze des Aggstein war ein fast unzugänglicher, enger und schmaler Raum im Geklüfte, kaum drei Schritt lang und breit, der hatte nur einen Ausgang in einen furchtbaren Abgrund. Senn nun Räuber Schreckenwald einem Wanderer aufgelauert und ihn gefangen und beraubt hatte, schleppte er ihn hinauf in dieses enge Felsenbehältnis, das er mit verruchtem Scherze sein Rosengärtlein hieß. Da ließ er dem Unglücklichen die Wahl, ob er verschmachten oder sich in den tiefen, entsetzlichen Abgrund stürzen wollte. Diese Untaten trieb Schreckenwald lange Zeit, bis er einst einen Jüngling fing, der ein kühner und gewandter Springer und Kletterer war. Auch er wurde von dem starken Räuber in den grauenhaften Rosengarten gestoßen und die furchtbare Wahl ihm freigestellt.
Mit kundigem Auge maß der Jüngling des Sprunges Tiefe; er sah Bäume unter sich aufragen, befahl Gott seine Seele und sprang in den Schauerschlund. Doch wußte er des Sprunges Richtung so zu nehmen, daß er auf einen Baumwipfel fiel, den er alsbald mit starker Hand erfaßte. Leicht glitt er dann in die Tiefe, wo die Gebeine der vor ihm Hinabgestürzten und Zerschmetterten moderten, und fand glücklich einen rettenden Ausweg.
Jetzt tat er die Lage des furchtbaren Raubnestes kund, sammelte eine tapfere Schar, lauerte Schreckenwald auf und fing ihn, der seine wohlverdiente Strafe erhielt. Danach entstand das Sprichwort im Volke, wenn von einem Menschen die Rede war, der aus höchster Not nur mit Leibes- und Lebensgefahr sich retten kann: Er sitzt in Schreckenwalds Rosengärtlein.

Ludwig Bechstein

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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