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Der Schneider vom Krempelstein

Die Donau abwärts von Passau fährt das Schiff an den Ruinen der Burg Krempelstein vorüber. Wann das Schloß erbaut und wann es dem Verfalle überliefert wurde, darüber fehlen sichere Nachrichten. Heute blickt ein einziger, vierkantiger Turm düster und traurig in die Donau hinab und auch der ist vom Zahne der Zeit schön tüchtig angefressen worden.

Vorlängst, nachdem Ritter und Troßknechte die Mauern des Schlosses für immer verlassen hatten, wurde von einem armen Schneider der Krempelstein zur Wohnstätte erwählt. In einem der allgemeinen Zerstörung entgangenen Gemache trieb der gute meister sein ehrsames Handwerk und stieg von der felsigen Höhe nur dann ins Tal, wenn er Arbeit zu übernehmen oder abzuliefern hatte und wenn er Kleidungsstoffe oder Lebensmittel einkaufen mußte. Sein stilles leben wurde ihm durch die Gesellschaft einer Ziege erheitert, die lustig auf und nieder sprang und die Pflege des Meisters mit trefflicher Milch belohnte.

So vergingen viele viele Jahre. Der Schneider und seine Ziege wurden immer älter und gebrechlicher. Eines Abends, als der Meister von einem Gange zurückkam, lag die Ziege verendet auf der Burgflur. Darüber war der Schneider untröstlich. Groll und Verzweiflung faßte das Gemüt des nun einsamen und verlassenen Mannes. Er wußte in seiner Verzweiflung nicht, was er anfangen sollte. Da packte er die tote Ziege und schickte sich an, sie von der Felsenhöhe in die Donau hinabzuschleudern. In der Hast verfingen sich aber die Hörner des Tieres in seinem Rock und er stürzte mit in die wirbelnde Tiefe, wo er den Tod fand. Vorüberfahrende Schiffer zogen nicht lange nach diesem Ereignisse den toten Meister samt seiner Ziege aus den Wellen.

Das Schlößlein wurde von da an das Schneiderschlößlein genannt und trägt diesen Namen bis auf den heutigen Tag.

Nach L. Bowitsch.

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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