SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Allgemein >> Österreichisches Sagenkränzlein

   
 

Das Ruprechtsloch am Großen Otter

Tiefer Waldfriede breitet sich über den Großen Otter, eine stattliche Bergkuppe des Semmeringgebietes. Dort gebot in grauer Vorzeit König Otter in seinem prächtigen Schlosse über die weitgestreckten Lande. Als er alt geworden, verließ er die Burg auf sturmumtobter Felszinne und zog mit seinem Gefolge hinab in die geheimnisvollen Höhlen des Berges. Dort führt er sein freudenreiches Leben weiter, hält festliche Gelage, deren Lärm die Talbewohner in stillen Nächten durch die Bergwände tosen hören, und unternimmt nächtliche Ausflüge in die Forste des Sonnwendsteins.

An der östlichen Lehne des Berges tut sich der schwarze Rachen des Ruprechtsloches auf, einer gähnenden Steilschlucht, die wohl der Eingang ist zu König Otters unterirdischem Zauberreiche.

Einmal wollte ein Mann aus der Ottergegend wissen, wie es da unten im Ruprechtsloch aussehe, und ließ sich von zwei Freunden hinunterseilen. Schon war er ein ziemlich langes Stück in den finstern Schlund hinabgekommen, da wandelte ihn die Furcht an und laut rief er, ihn hinaufzuziehen. Durch den von den Wänden vielfach zurückgeworfenen Schall erschreckt, ließen die Freunde das Seil los und liefen davon. Der Mann stürzte hinab auf den Boden der Höhle und blieb dort bewusstlos liegen. Als er wieder zu sich gekommen war, irrte er suchend umher, um einen Ausweg zu finden. Schon hatte er alle Hoffnung, aus der Höhle zu kommen, aufgegeben, als plötzlich ein Bergmännchen vor ihm stand und ihn fragte, was er wolle. Vor Angst und Schrecken am ganzen Leibe zitternd, gestand der Verirrte seine Not und bat das Bergmännchen, ihn wieder an die Oberwelt zu bringen. „Folge mir,“ sagte das dienstfertige Männchen, „aber achte genau, wohin ich trete!“ Der Mann folgte genau der Weisung. Als sie schon eine geraume Weile gewandert waren, kamen sie zu einer Kegelbahn der Bergmännchen. Kegel von lauterem Silber waren da aufgestellt und eine goldene Kugel lag dabei. „Wenn du uns die Kegel aufsetzt,“ meinte der Zwerg, „kannst du dir einen davon auswählen und mitnehmen.“ Der Mann ging auf den Vorschlag ein, und als die Männchen ihr Spiel beendet hatten, nahm er sich den größten Kegel, wie ihm erlaubt worden war. Nun führte ihn sein Begleiter wieder weiter, bis sie zu einem großen Tore an der ostseite des Berges gelangten. Der Mann wollte danken, aber das Bergmännchen sagte: „Wenn du dich dankbar erweisen willst, so bringe mir ein Geschenk von der Oberwelt.“ Auf die Frage des Mannes, was ihm am liebsten wäre, erbat es sich „Weinberl und Zibeben.“ Das Tor schloß sich hinter ihm und der Zwerg war verschwunden. Hocherfreut beeilte sich der Gerettete, die erbetenen Gaben zu bringen. Als er mit denselben beim Tore ankam, daß er vergessen hatte zu fragen, durch welches Sprüchlein man das Tor öffenen könne und mußte unverrichteter Dinge wieder fortgehen. Es war finster und nebelig geworden und erfühlte, wie sein Gewand immer schwerer wurde, was er dem Feuchtwerden durch den herabrieselnden Nebel zuschrieb. Zu Hause angekommen, sah er aber, daß sein Gewand über und über mit Goldtropfen bedeckt war.

Nach Heinrich Mosse

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
© www.SAGEN.at