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Rübezahls Esel

Ein armer Glashändler wollte eines Tages mit einer Hucke Scheibenglas auf dem Rücken über das Riesengebirge wandern.

Als er unterwegs von der schweren Last müde ward und ein wenig ausruhen wollte, setzte er sich auf einen runden Baumklotz. Aber die Rast dauerte nicht lang, denn als er gerade in der besten Ruhe war, rollte plötzlich der Klotz unter ihm weg, so daß der erschrockene Mann zu Boden schlug und das ganze Glas kurz und klein in Stücke brach.

Eine gute Weile stand der Arme ratlos da, betrachtete die Scherben, bejammerte sein Elend und verwünschte den Block, der die Ursache seines Unglücks war.

Da kam des nämlichen Weges ein reisender Gesell, der ihn fragte, ob das der rechte Weg sein nach der Glashütte zu Schreiberhau und was ihm fehle, daß er gar so verkümmert aussehe. „Ich habe Ursache genug,“ versetzte jener und erzählte den ganzen Verlauf, wie der tückische Block ihn ins Unglück gestürzt und er jetzt weder Mittel noch Wege wisse, sich und die Seinigen ehrlich zu nähren.

Der andere hörte der Erzählung des Glashändlers aufmerksam zu, beklagte ihn und sagte: „Wahrhaftig, Ihr habt’s nicht gut getroffen; aber auf der Wanderschaft muß man gefaßt sein, allerhand Mißgeschick zu begegnen. Dafür lernt man auch manch nützliches Stück. Also gebt Euch zufrieden; wenn Ihr meinem Rate folgt, will ich Euch helfen, daß Ihr wieder zu Eurem Gelde kommt.“

Der Mann, dem es bereits schwante, daß er es mit dem Geiste des Riesengebirges zu tun habe, war zu allem Rechten bereit. „Nu gut,“ wies ihn Rübezahl an, denn der war es wirklich, „seht Ihr dort am Baum den Esel stehen? Nehmt ihn und führt ihn in das nächste Dorf zu dem Müller. Der Geizhals ist ein Freund von Eseln, er braucht einen und hat auch Geld genug, ihn zu bezahlen. Darum verkauft das Tier nicht unter zehn Reichstalern!“

Der Glashändler bedankte sich vielmals, band den Esel los und trieb ihn in das bezeichnete Dorf zum Müller. Das war ein karger Mann, der sich überdies unter den Klugen der Klügste dünkte und stets vorher wußte, wie viel Wasser des andern Tages übers Rad laufen werde. Als der den Esel sah, gefiel er ihm wohl und nach vielem Feilschen wurden sie über zehn Reichstaler einig. Der Glashändler führte den Grauschimmel in den Stall, erhielt seine Zahlung und machte sich auf die Beine.

Nach einer Weile besah der Müller den Esel, der ihm in seiner Größe und Stärke nach eine vortreffliche Erwerbung schien, ging wieder in die Mühle und sagte zu seinem Knechte: „Der Bursche ist sein Geld wert; bring ihm ein Bündel Heu vom Boden, er wird hungrig sein.“ Als aber der Knecht dem Befehle nachkam, begann der Esel plötzlich zu sprechen und sagte deutlich: „Ich fresse kein Heu, sondern lauter Gebratenes und Gebackenes.“ Wie das der Knecht hörte, erschrak er nicht wenig, sprang in die Mühle und erzählte seinem Herr, daß er einen Esel gekauft habe, der sprechen könne.

Da lief der Müller eiligst in den Stall, um das Wunder zu hören. Aber diesmal kam er zu spät; denn der Esel war über alle Berge und mit ihm zehn Reichstaler – auf Nimmerwiedersehen.

Nach Hermann Kletke

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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