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Der Rattenfänger von Korneuburg

In alter Zeit, als die Straßen noch eng zusammengebaut waren, als es noch keine Kanäle gab, die den Unrat wegschwemmten, als die Unreinlichkeit in Häusern und Höfen wie der Mangel guten Trinkwassers böse Krankheiten, Pest und Cholera erzeugten, da wimmelte es in den schmutzigen Winkeln, wo Kehricht und Abfälle der Handwerke aufgeschichtet waren, von Mäusen und Ratten. Namentlich die letzteren nahmen arg überhand und die häßlichen Tiere drangen sogar in Küchen und Stuben und belästigten die Bewohner. Selbst in Wien stand es um nichts besser; noch vor kurzem trug ein Teil des Bezirkes Mariahilf im Volksmunde den Namen „Ratzenstadl“.

Da geschah es vor etlichen Jahrhunderten, daß die Stadt Korneuburg an der Donau sich vor der Rattenplage nicht mehr zu helfen wußte. Die zudringlichen Tiere bevölkerten mit ihren Scharen die Häuser dergestalt, daß sie mit den Menschen Eßtisch und Bett zu teilen begannen. Alle Mittel, der ungebetenen Gäste ledig zu werden, blieben erfolglos. In dieser Not schrieb der Rat von Korneuburg einen hohen Preis aus, der demjenigen gehören sollte, der die Stadt für alle Zeit von den Ratten befreien könne.

Auf die Kundmachung hin erschien eines Tages ein fremder Mann bei dem Bürgermeister und machte sich erbötig, den Preis zu verdienen. Zweifelnd und doch in froher Erwartung sagte ihm der Ortsvorsteher die Erfüllung des Versprechens zu. Daraufhin begab sich der Fremde auf die Straße, zog aus der Ledertasche, die ihm an langem Riemen an der Seite hing, eine schwarze Pfeife und begann darauf zu blasen. Es war ein ohrenzerreißendes Quieken und Gellen, aber den Ratten schien es zu gefallen; denn sie fuhren haufenweise aus allen Ecken und Enden und tummelten sich der gräulichen Musik nach. Bald waren Straßen und Gassen schwarz von dem hüpfenden und drängenden Ungeziefer. Der Fremde schritt, unablässig pfeifend, aus dem Stadttore hinaus, wandelte der Donau zu und watete bis an die Brust in den Strom. Die Ratten stürzten ihm begierig nach und wurden von den Wogen fortgeschwemmt; auch nicht ein Schwänzlein blieb am Ufer.

Der Rattenfänger kehrte nun in die Stadt zurück, umjubelt von der erfreuten Volksmenge, die das seltsame Schauspiel mit großen Augen verfolgt hatte. Als er aber in die Ratsstube trat, reute den Bürgermeister das schwere Geld; er bot dem Rattenfänger nur einen kleinen Betrag und wies ihm die Tür. Da warf der Fremde dem Treulosen das Geldsäckchen vor die Füße, ein böses Wort entschlüpfte seinen Lippen, dann zog er finsteren Blickes von dannen. – Wenige Wochen vergingen, da ertönte in den Straßen Korneuburgs ein wundersames Klingen. Die Leute lauschten und die Kinder eilten neugierig dem Klange nach. Es war der Rattenfänger, der diesmal auf einer goldenen Pfeife blies. Er trug wieder ein geschlitztes Wams und eine Haube mit drei wallenden Straußenfedern, aber alles an ihm war prächtiger und kostbarer. Ohne nach recht oder links zu blicken, ging er denselben Weg, den er die Ratten geführt hatte.

Auf den Wellen der Donau wiegte sich ein buntbeflaggtes Schiff. Der Rattenfänger betrat es, und als die letzten Kinder nachgetrippelt waren, stieß das Fahrzeug vom Ufer und flog im Sonnenscheine stromabwärts. Als die Einwohner der Stadt ihre Kinder suchten, fanden sie keines, nur ein taubes war zurückgeblieben und ein anderes, das sein Röcklein holen wollte und zu spät ans Ufer gelangt war. Schmerz und Verzweiflung brachte die Rache des Rattenfängers, der das unerfüllte Versprechen gerächt hatte, über die unglückliche Stadt. Heute noch erinnert ein verwitterter Denkstein in der Pfarrgasse zu Korneuburg an die sagenhafte Begebenheit.

Hans Fraungruber

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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