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Die Pförtnerin

Von der Kärntnerstraße in Wien biegt die Himmelpfortgasse ab. Sie hat ihren Namen nach einem Chorfrauenkloster, das schon im 13. Jahrhundert von einer Königstochter gegründet worden ist. An dieses Kloster knüpft sich eine liebliche Sage.

Einst erschien ein achtjähriges Mädchen, Marie, bei den Chorfrauen und bat um Aufnahme als Klosterschwester. Nach der üblichen Prüfungszeit wurde ihr frommer Wunsch erfüllt und bald gewann die junge Schwester das Vertrauen der ernsten Oberin und wurde als Pförtnerin bestellt.

Manches Jahr versah sie ihren Dienst getreulich. Da kam wieder ein holder Frühling ins Land, die munteren Vöglein wiegten sich im Gezweige und manche Pilgerscharen zogen, fromme Weisen singend, nach dem sonnigen Süden. Auch Marie lockte es mächtig in die Ferne. Lange kämpfte sie mit sich, dann aber eilte sie zum Altar und warf sich weinend der Gnadenmutter zu Füßen:

„Die Schlüssel deines Hauses,
Ich leg’ sie vor dich hin,
Beschütze diese Hallen,
Und mich, die Sünderin.“

So eilte die Pförtnerin in die finstere Nacht hinaus. Nach Rom, von dessen heiligen Stätten und wunderbaren Kirchen sie gar viel vernommen, wollte sie ihre Schritte lenken, verlor aber den Mut und irrte unstet sieben Jahre lang in der Welt umher.

Da sieht die Magd, wie nichtig
Der Erde Glanz und Glück,
Und nach des Klosters Frieden
Sehnt sich Marie zurück.

Und macht sich auf die Reise,
Wohl hundert Meilen weit,
Schon wund sind ihre Füße,
Zerrissen ist ihr Kleid.

Jetzt sieht sie fern das Kloster,
Jetzt steht sie vor dem Tor,
Zur Glocke hebt sie zitternd
Die müde Hand empor.

Da öffnet sich die Pforte –
Die Himmelskönigin,
Das Knäblein auf dem Arme,
tritt vor die Arme hin.

Da sinkt vernichtet, leblos
Die arme Magd nun hin,
doch horch, die Gottesmutter
Spricht mild zur Sünderin:

„Ich habe nun erwartet
Seit sieben Jahren dich,
Geh ruhig ein ins Kloster,
Die Pförtnerin war ich.“

Am andern Morgen fanden die Schwestern die Reuerfüllte vor dem Gnadenbilde liegen. Mit Staunen hörten sie von der wunderbaren Begegnung. Sorgsame Pflege wurde der Schwester zuteil; doch schon nach drei Tagen lag sie entseelt auf der Bahre. Viel Volk strömte herbei, um die Wundermäre zu vernehmen, die sich bald im ganzen Lande verbreitete.

Das Kloster aber führte weiterhin den Namen „Zur Himmelspforte“ und bestand bis gegen Ende es 18. Jahrhunderts.

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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