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Maria „Durch den Stein“

Im Steinpasse, der das Ennstal mit dem Hinterberg in Aussee verbindet, hängt an dem grauen Gestein, von federnden Farnen und wucherndem Schlingkraut umrahmt, ein liebliches Marienbild. Auf der Bergstraße, die durch diese großartige Einsamkeit führt, wurde vor vielen Jahren ein Mädchen von zwei Räubern überfallen. Sie riß sich aber los und floh, so schnell sie konnte, den steilen Pfad hinan, verfolgt von den beiden Mordgesellen. Schon hörte sie die Stimmen hinter sich, da gewahrte sie nach einer Wegbiegung einen tiefen Riß in der Felswand. Eilig kroch sie hinein und flehte zur Gottesmutter um ihren Schutz.

Kaum hatte sie ihr zitterndes Herz besänftigt, tappten auch die Räuber schon heran.

„Halt,“ schrie der eine, „hat sich der Schmetterling vielleicht in diese Kluft verflogen?“

„Was fällt dir ein?“ entgegnete der andere, „siehst du nicht das große Spinnennetz, das darüber gespannt ist? Das müßte doch zerrissen sein.“ Darauf eilten die Bösewichter rasch weiter. Nach einer Weile verließ das Mädchen ihr Versteck und sah mit tiefer Rührung das Gewebe, das sie so wunderbar beschützt. Dankerfüllt ließ sie später an dieser Stelle ein Marienbild anbringen, zu dem viele fromme Menschen pilgern.

Hans Fraungruber

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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