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Löwenherz und Blondel

Zu Dürnstein am Donaustrand
Welch leises Wehn und Kosen!
Die Wogen wallen an das Land,
Es glühen und duften die Rosen.

Und droben die Burg im Mondenschein,
Ein Lichtlein im kahlen Gelasse,
Da starrt in die wonnige Nacht hinein
Der einsame König, der blasse.

Er denkt an manchen heißen Tag
Im sonndurchglühten Osten,
Dieweil nun Schwert und Brünne mag
Samt seinem Ruhme rosten.

Er denkt an manche tolle Nacht
Mit Heisa und Frohlocken,
An schwarzer Augen schwüle Pracht
Und goldene Ringellocken.

Und denkt an seines Hornes Klang
Auf freier Waldlandreise
An seines Minstrels Hochgesang
Und seine Lieblingsweise.

An jene Weise wonnesam,
Die er in stolzen Tagen
Aus seines Volkes Mund vernahm
Zu einer Laute Schlagen.

Und wie der König träumt und sinnt,
Da hebt es an zu singen
Und weich ertönt im Abendwind
Das altvertraute Klingen.

Sein Blondel harret vor dem Haus
Und singt in Leid und Sehnen ….
Da fällt zu Füßen ihm ein Strauß,
Betaut von Freudentränen.

Gewandert ist er treu und lang,
Kunnt nit den Freund erkunden,
Des Volkes schlichter Minnesang
Der hat ihn aufgefunden.

Hans Fraungruber

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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