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Der Lindwurm von Brünn

Im Torweg des Rathauses zu Brünn in Mähren hängt an Ketten ein ausgestopftes Krokodil, das an einen Lindwurm erinnern soll, der einst der Schrecken der Umgegend war.

Mancher Tapfere hatte im Kampfe mit dem ungefügen Drachen sein Leben eingebüßt. Nun lebte in Mähren auch ein Ritter namens Obeslik. Der hatte in einem heftigen Zornesausbruche seinen Freund erschlagen. Er wurde dafür zum Tode verurteilt. Da bat er den Herzog um die Erlaubnis, gegen den Lindwurm ziehen zu dürfen. Der Landesherr gewährte diese Bitte. Dem Ritter wurde die Freiheit und eine Belohnung versprochen, wenn er siegreich aus dem Kampfe zurückkehren sollte.

Obeslik nahm ein scharfes Schwert und ein mit ungelöschtem Kalk gefülltes Kalbfell mit und wagte sich so in das Gebiet des Lindwurmes. Kaum war der Ritter der Höhle des Tieres zu nahe gekommen, so eilte der Lindwurm wütend auf ihn zu. Obeslik warf dem Ungetüm rasch das Kalbsfell hin und bestieg einen hohen Baum. Der Drache verschlang gierig das gefüllte Kalbsfell und eilte dann zu dem Baume, auf dem der Ritter saß. Hier wühlte er den Boden ringsum auf, um den Baum zu stürzen. Dem Ritter wurde bange. Doch bald stellte sich bei dem Lindwurme ein brennender Durst ein. Er ließ das Wühlen und entfernte sich, um Wasser aufzusuchen.

Was Obeslik erwartet hatte, geschah. Kaum hatte der Drache getrunken, so begann der Kalk in seinem Magen zu brausen und tötete das Ungeheuer. Der Ritter war gerettet. Freudig zog er mit der Haut des Lindwurms in die Hauptstadt ein. Der Herzog hielt sein Versprechen. Er begnadigte den Ritter und schenkte ihm viele Güter.

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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