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Der Jäger auf Losenstein

Der Herbst des Jahres 1532 kam mit einer bösen Kunde. Noch war der Schrecken nicht gewichen, den die wilden Raubzüge der Türken vor drei Jahren über das Land gebracht hatten, als schon wieder von neuen Einfällen die Rede ging. Mit Bangen hörte man die fürchterliche Nachricht, daß Kasim Pascha, der schon während der Belagerung Wiens einen Streifzug in diese Gegend gemacht hatte, mit 15000 Mann im Anzuge sei. Immer schrecklicher lauteten die Nachrichten, die von Flüchtenden und anderen Leuten gebracht wurden. Was vor drei Jahren den wilden Horden des Paschas entgangen wäre, hieß es, gedenken dieselben jetzt gründlich heimzusuchen, und was vor wenigen Wochen die fleißigen Hände geerntet hätten, wollen nun die Türken kurzer Hand mit dem Krummsäbel ablösen.

Nicht lange aber blieben diese Gerüchte unbestätigt. Bald brauste der wilde Türkensturm heran. Am 8. September sah man am rechten Ennsufer zahlreiche Gehöfte in Flammens stehen. Rauchsäulen um Rauchsäulen stiegen den ganzen Tag empor und auch während der folgenden Nacht erlosch nicht die Feuerröte am Himmel. Am nächsten Tage schon setzten die Türken bei Ernsthofen über den Ennsfluß und streiften nun sengend und brennend durch die Gegend. Wer sich flüchten konnte, war bereits mit seinen Angehörigen und mit Vieh und beweglicher Habe in entfernte Wälder und auf Berghöhen geflohen; wer aber von dem grimmen Feinde überrascht wurde, den erwartete ein schreckliches Los: Gefangenschaft und Sklaverei im Türkenlande. Glücklich war noch, wer unter den Krummsäbeln einen schnellen Tod fand.
Als eine Schar von Türken vor das Schloß Losenstein kam, waren auch dort Bewohner und Dienstleute bereits geflohen. Nur ein Jäger war darin zurückgeblieben. Auf einem Felde in der Nähe des Schlosses lagerte der türkische Heerhaufen und unter einer mächtigen Linde stand das Zelt des Anführers. Nicht lange blieben die Türken müßig, sondern machten sich alsbald an die Erstürmung des Schlosses, in dem sie reiche Beute vermuteten. Aber auch der Jäger sah dem Herannahen der Türken nicht untätig zu. Mit Gewalt ließ sich gegen diese Menge nichts ausrichten, das sah er wohl gleich ein und deshalb griff der kluge Weidmann zu einer List. Flink stellte er an jedes Fenster des Schlosses eine eiserne Rüstung aus der Waffenkammer und legte eine geladene Flinte dazu. Nun lief er von Fenster zu Fenster und feuerte überall einen wohlgezielten Schuß auf die anstürmenden Feinde ab. Mancher Muselmann sah die Sonne nicht mehr untergehen. Als nun gar der Anführer tödlich getroffen von seinem Schimmel stürzte, da wurden die Mutigsten stutzig und bald darauf ergriffen alle Türken die Flucht. Sie glaubten nichts anderes, als das ganze Schloß wäre voll geübter Schützen, gegen die sie nicht aufkommen könnten; da hielten sie schnellen Abzug nach einer weniger gefährlichen Gegend wohl als das klügste.

Als weit und breit kein Türke mehr zu sehen war, kam auch der tapfere Jäger aus dem Schloßtore heraus, holte sich den prächtigen Türkenschimmel, der frei und herrenlos im Felde umherlief und freute sich nicht wenig seiner gelungenen List. Der Name des heldenmütigen Jägers ist bereits der Vergessenheit verfallen, aber seine kluge und entschlossene Tat blieb bis auf den heutigen Tag erhalten.

F. Wiesenberger

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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