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Helfenstein in Mähren

Vorzeiten regierte zu Olmütz in Mähren ein Herzog, der sich im Jähzorne oft zu grausamen Handlungen hinreißen ließ. Eines Tages trat Bruno, der Falkner, zitternd vor seinen Herrn und meldete, daß der beste Edelfalke zugrunde gegangen sei. Als das der Herzog vernahm, geriet er in heftigen Zorn und befahl seinen Dienern, den Falkner zu züchtigen. Bruno gelang es aber, der ihm zugedachten schweren Strafe zu entgehen; er flüchtete sich in den dichten Wald, der sich damals von Olmütz bis in das Odertal erstreckte. Dort lebte er von der Jagd und beschäftigte sich, um den Häschern des Herzogs unerkannt zu bleiben, überdies mit Kohlenbrennen.

Da geschah es einmal, daß Bruno, als er, mit Bogen, Pfeil und Streitaxt bewaffnet, auf die Jagd ging, plötzlich den wohlbekannten Jägerruf des Herzogs vernahm. Schnell verbarg er sich hinter einer Eiche, um nicht von seinem Herrn entdeckt zu werden, und sah von seinem Versteck aus, wie der Herzog, von einem wilden Auerochesn verfolgt, hart an der Eiche vorübereilet. Das Leben des Fürsten wäre verloren gewesen, hätte nicht Bruno mit seiner Streitaxt das wilde Tier so gut getroffen, daß es stöhnend zu Boden sank. Tief gerührt dankte der Herzog seinem Lebensretter für die bewiesene Treue und gestattete ihm, sich eine Gnade zu erbitten.

Das tat Bruno; er verlangte so viel Land zum Eigentume, als er mit der Haut des getöteten Auerochsen umspannen könnte. Lächelnd gewährte der Herzog die Bitte.

Der Falkner zerschnitt die Haut in schmale Riemen und umspannte damit den ganzen Hügel, auf dem er seinem Fürsten das Leben gerettet hatte. Der Herzog, der über den Mut und die Klugheit Brunos erfreut war, schlug ihn zum Ritter und zog ihn an seinen Hof, wo Bruno seinem Herrn noch viele und große Dienste leistete.
In späterer Zeit erbaute der Ritter auf jenem Hügel eine Burg, die er zum Andenken an die Lebensrettung des Herzogs Helfenstein nannte.

Trampler

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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