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Sage aus Grundlsee

Einem Bauern aus Gaiswinkel, dem lieblichen Weiler zu Füßen des Backensteines, gelüstete danach, sein mühevolles Dasein mit sorgenfreiem Wohlleben zu vertauschen.

Der Teufel ward es inne und war sogleich bereit, den Wunsch des törichten Waldkindes zu erfüllen.
„Ich gebe dir durch dreißig Jahre täglich drei Silbertaler,“ sagte der, „wenn du mir einen Gegendienst erweisest.“

„Und worin besteht er?“ fragte gierig der verblendete Bauer.

„Klieb mit deiner Axt einen Spalt in diese Fichte, birg eine Hostie darin und verklebe die Fuge mit Harz!“

Nach bangem Schwanken zwischen Gottesfurcht und Genußsucht unterlag der Bauer der Versuchung.

„Ich schlage ein,“ sagte er, „doch eins bedinge ich mit aus; Wenn die dreißig Jahre um sind, befreie ich die Hostie wieder.“

Der Teufel grinste. „Meinethalben sei es, wenn es dir gelingt, durch einen wohlgezielten Hieb der gleichen Axt, die nun den Stamm der Fichte öffnen soll, den alten Spalt zu trennen; doch muß es sein in mitternächtlicher Stunde des heiligen Abends! Gelingt dir’s nicht, so ist deine Seele mein.“

Auch diese Bedingnis brachte das verführte Menschenherz nicht zur Erkenntnis.

Der Pakt war abgeschlossen. Das Erdenkind genoß den Teufelssold und lebte fortan in Lust und Schwelgerei.



Schneller als gedacht verging die Zeit, das dreißigste Jahr war um und der Bauer zitterte am heiligen Abende der entscheidenden Mitternacht entgegen. Ein schreckliches Surren und Sausen hub in den Lüften an. In argen Nöten war der arme Mann in seiner Seelenqual; denn – unauffindbar schien die von ihm einst wohlverwahrte, seither nie mehr besehene Axt.

Immer toller, immer wütender wurde das Brausen in den Lüften, als wollte der Höllenfürst den angsterfüllten Sinn des Menschen, der nach der durch Teufelskunst verborgenen Axt suchte, noch mehr verwirren.

Endlich, fast schien es zu spät, fand sich das Werkzeug in einem abgelegenen Winkel. In Windeseile keuchte der Mann zum Fichtenbaume, der nun durch dreißig Jahre das Haus des Allerheiligsten gewesen war. Ein wohlgezielter Hieb mit sicherer Hand und offen stand der Spalt, darin sich tröstend die unversehrte Hostie dem Auge des Befreiten zeigte. Eben, als das gefahrvolle Werk gelang, schlug es zwölf.

Ein Sturmwind brauste durch die Lüfte, daß Baum und Mensch und Tier erzitterten. War das des Höllenfürsten Ingrimm ob des Verlustes der schon in sicherem Besitze geglaubten armen Seele?

Als der neue Tag erwachte, stand hoch an schroffer Felsenkante, wo nie zuvor eines Menschen Auge Grünes geschaut, ein mächtiger Baum – doch unten im Tale fehlte einer, den alle kannten. „Kriegs-Feichten“ heißt er im Volksmunde noch heut, zum Gedenken des grausigen Kampfes zwischen dem Bösen und dem verblendeten Gaiswinkler Bauern, der sein Leben in Buße und Reue beschloß.

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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