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Eisenerz

In der Nähe des heutigen Marktes Eisenerz trieben sich häufig Venediger Männlein um, von denen man glaubte, daß sie im Gebirge Gold suchten und sich auf diese Art große Reichtümer erwürben. Einmal fand ein Fuhrmann auf dem Wege von Eisenerz nach Hieflau ein Venediger Männlein, das nur eine Spanne groß war, am Bergesfuße schlafen. Der Fuhrmann dachte sich: Wenn ich den kleinen Knirps fange, so kann ich zu großen Schätzen gelangen. Gedacht, getan. – Er überfiel das Zwerglein und band es. Das kleine Männlein sah sich, als es erwachte gefangen. Es wand und krümmte sich vor Zorn und suchte auf allerlei Weise sich zu befreien, aber alles war umsonst. Der Fuhrmann nahm den Zwerg auf, lud ihn auf den Wagen und fuhr gemächlich seinen Weg weiter.

Als das Männleich sah, daß hier mit Bösem nichts auszurichten sei, fragte es den Fuhrmann, was er als Lösegeld verlange. Er forderte viel Gold oder Silber. Da erwiderte das Zwerglein: „Gold oder Silber kann ich dir nicht geben; aber ich will dir etwas zeigen, das kostbarer als beides ist. Laß mich nur ein wenig aus und in den Berg hinein!“

Der Fuhrmann nahm den kleinen Wicht vom Wagen, verlängerte die Schnur, damit das Männchen nicht entlaufen könne, und ließ es gehen, indem er das Ende der Schnur in den Händen behielt. Im Nu war das Zwerglein in eine Felsspalte hineingekrochen und verschwunden. Nach kurzer Zeit kam es wieder hervor und brachte drei schöne Eisenerzstufen mit sich, die es dem Fuhrmanne gab. Dieser verlangte aber nur Gold und Silber und wollte das Männchen für Eisen nicht freigeben. Da sprach das Männlein: „Du bist ein Tor, wenn du mir nicht folgst. Wenn du das Eisen, das hier verborgen liegt, zutage förderst, macht es dich und deine Nachkommen reicher als Gold und Silber.“

Als der Fuhrmann darauf nicht eingehen wollte, erbot sich der Venediger, ein halbes Jahr ihm zu dienen und das Bergwerk anzubauen. Sollte der Fuhrmann bis dahin reich werden, so müsse er das Männlein freilassen, wenn nicht, so wolle der Venediger immer in Gefangenschaft bleiben. Der Fuhrmann nahm diesen Vorschlag an und nach Verlauf eines halben Jahres war er ein steinreicher Mann und gab das Männlein frei. Wohin es gekommen ist, weiß man nicht.

Der Bergsegen aber blüht noch fort und Eisenerz ist das reichste Eisenbergwerk der Monarchie.

Nach Ignaz Zingerle

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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