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Der Eichelwart auf dem Anninger

Nahe bei Mödling im Wienerwalde erhebt sich der vielbesuchte Anninger. In seinen Forsten haust der Sage nach ein riesenhafter Berggeist, der sich ab und zu den Menschen zeigt. Man nennt ihn den Eichelwart, aber er hört den Spottnamen nicht gern. Vor langer Zeit raubte er ein Mädchen und brachte es in seinen Wohnsitz unterhalb einer mächtigen Eiche. Das listige Mädchen versprach, sein Weib zu werden, wenn ihm drei Tage land keine Eichel vom Baume gestohlen werde; anders müsse er die Gefangene frei ihres Weges ziehen lassen.
Lachend ging der Riese die Bedingung ein; Tag und Nacht hielt er unter dem Eichbaum Wache und scheuchte jedes Menschenkind von dannen, das sich in der Nähe blicken ließ. Am vierten Tage aber zeigte ihm das schlaue Mädchen ein Eichhörnchen, das die Tage her eine Frucht nach der andern behaglich verspeist hatte. Nun mußte der Riese die Gefangene freigeben. Seit jener Zeit aber treibt er wütend in den Sturmnächten sein Unwesen und der Spottname ist ihm auch geblieben.

Hans Fraungruber

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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