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Die Burg Karlstein

Kaiser Karl IV. hat die Burg Karlstein erbaut und sie trägt nach ihm den Namen. Er baute sie in stiller Waldeinsamkeit, denn er wollte hier seine Mußetage in frommer Andacht verbringen; er baute sie hoch und fest, denn er wollte eine Feste schaffen, wo die Krone des Landes eine sichere Stätte fände. Die Kapelle, in welcher die Krone aufbewahrt wurde, war von unbeschreiblicher Pracht. Von dem Gewölbe, welches den blauen Himmel vorstellte, strahlten Sonne, Mond und Sterne aus Gold, Silber und Edelsteinen hernieder, die Wände waren mit anderthalbhundert kostbaren Bildern geziert, und wo kein Gemälde die Wand bedeckte, war diese mit geschliffenen böhmischen Edelsteinen ausgelegt. Die Fenster enthielten Glasgemälde, zum Teil waren sie aus fein geschliffenen Edelsteinen, Quarz und Bernstein zusammengesetzt. In festlichen Zeiten brannten in diesem Raume über tausend Kerzen und man mag sich vorstellen, welch ein Leuchten und Funkeln dann gewesen sein muß.

Aber mit Karls Tode war die Zeit des Glanzes für Karlstein dahin.

Im Jahre 1422 hatte die Burg die erste Belagerung zu bestehen. Die Prager wollten die böhmische Krone holen und zogen manch Tausend Mann stark gegen die zwischen Bergen und Wäldern versteckte Feste. Als sie die Burg vor sich hatten, lagerten sie sich auf den Anhöhen und stellten auf jede derselben eines ihrer Geschütze. Aber damals waren die Kanonen weniger furchtbar als heutzutage. Das Pulver war schwach und die Geschoße fielen ziemlich matt an ihrem Ziele nieder. Auch schoß man nicht mit Eisenkugeln, sondern mit Steinen.

Schon währte die Belagerung fünf Monate und Schmalhans war Küchenmeister auf Karlstein geworden. Aber die Karlsteiner verloren deshalb ihren guten Mut nicht. Die Sage berichtet von einem köstlichen Streiche, den sie zu ihrer Rettung ausführten.

Als der St. Wenzelstag kam, erwachte unter den Pragern, welche Karlstein belagerten, eine gewisse festliche Stimmung; sie erinnerten sich, daß an diesem Tage von altersher jeder Prager das Kirchweihfest feiere, und mochten dieser Sitte selbst im Felde nicht untreu werden. Sie ließen daher die Karlsteiner um einen dreitägigen Waffenstillstand ersuchen, und als ihnen dieser gestattet wurde, luden sie einige von den Verteidigern Karlsteins zur Kirchweihe. Diese kamen und die Gäste mögen allerdings den Braten, Kuchen und Weinen, die ihnen vorgesetzt wurden, tapfer zugesprochen haben; als aber die Prager darauf anzuspielen begannen, daß sie oben in der Burg jetzt manchmal schmale Küche hätten, da taten die Karlsteiner groß und prahlten, sie hätten Fische, Wildbret und sonstige Lebensmittel in solchem Überflusse, daß sie drei Jahre belagert werden könnten und doch noch immer nicht in Not kämen. Die Prager meinten nicht anders, als es müßte aus der Burg ein unterirdischer Gang in die Umgebung führen, durch den die Belagerten sich unbemerkt mit Lebensmitteln versehen könnten.

Um ihren Prahlereien noch mehr Glauben zu verschaffen, erbaten sich die Karlsteiner vor Allerheiligen einen Waffenstillstand, indem sie eine Hochzeit zu feiern hätten. Das Begehren wurde bewilligt und nun ertönten am Tage der angeblichen Hochzeit in der Burg Pfeifen und Schalmeien; es erscholl ein Jubeln und Jauchzen, daß die Prager ganz erstaunt darüber waren, wie guter Dinge die in der Burg seien. Mit einem Male öffnete sich einen der Burgpforten und einige Abgesandte der Belagerten kamen von der Burg herab auf eine Abteilung der Prager zu, deren Anführer ein den Karlsteiner bekannter Schneider war. „Da“ – hub einer der Boten an und überreichte dem Prager Schneider einen hübschen, großen Rehschlägel – „da schicken euch die Karlsteiner auch etwas von der Hochzeit als Dank für den Waffenstillstand; das Reh, von dem dieser Schlegel ist, haben wir erst gestern frisch erlegt. Die Prager bedankten sich, als aber die Boten sich entfernt hatten, begann unter ihnen ein Gemurre; sie müßten hier oft Hunger und Kälte leiden, während die Karlsteiner oben hübsch unter Dach und Fach säßen und vollauf zu essen hätten; es wäre vergebens, noch länger vor dieser Feste zu liegen, die man doch nicht bezwingen könne. Und also brachen die Prager ihr Lager ab und zogen heim.
Die Karlsteiner aber begannen erste jetzt wirklich und aus vollem Herzen zu jubeln; denn der frühere, angebliche Hochzeitsjubel hatte nur den Zweck, die Belagerer zu täuschen und der Schlegel stammte von einem Ziegenbock, dem sie durch die Beize aussehen und Geschmack von Rehbraten gegeben hatten. Es war aber der letzte Ziegenbock, es war überhaupt der letzte Bissen Fleisch, den die Karlsteiner zu essen hatten; nach diesem besaßen sie nichts mehr zu nagen und zu beißen und hätten entweder verhungern oder sich ergeben müssen.

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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