SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Allgemein >> Österreichisches Sagenkränzlein

   
 

Das Buchfeld in Wien

Zur Zeit, als der Enkel Rudolfs von Habsburg, Herzog Albrecht II.; in unserem Vaterlande herrschte, wurde die Umgebung Wiens von sehr schlimmen Gästen heimgesucht. In dem übermäßig heißen Sommer 1335 brachen ungeheure Heuschreckenschwärme rings um Wien ein; ihre Gefräßigkeit verwandelte blühende Gegenden in kahlgefressene Wüsten. Namentlich das im Westen des damaligen Wien gelegenen Buchfeld, an das die heutige Buchfeldgasse im Bezirke Josefstadt erinnert, wurde arg mitgenommen; es blieb dort kein Halm und kein Blatt verschont.

Auf die Verheerung des Buchfeldes durch Heuschrecken bezieht sich folgende Sage:

Das Buchfeld gehörte zu jener Zeit eine adeligen Grundherr, der wegen seiner Rauheit und Härte allgemein gefürchtet war. Eines Tages meldete man ihm: die Knechte haben die zur Ernte reife Frucht aus Furcht vor einem gewaltigen Heuschreckenschwarme im Stiche gelassen. Da ergrimmte der raue Grundherr heftig. Er stieg zu Pferde, nahm seine Hunde mit und schwur: „Ich will den Heuschrecken und den ungetreuen Dienern den Herrn zeigen!“

Doch als er auf das Buchfeld kam, erhoben sich die dichten Scharen der Heuschrecken, daß ihr Flügelrauschen wie niederprasselnder Hagel erklang. Selbst die wilden Hunde des wütigen Herrn rissen sich von der Leine und rannten davon. Nur der böse Grundherr sprengte, mit dem Schwerte um sich hauend, immer weiter zwischen den Heuschreckenschwarm, der ihn wie schwarze Wetterwolken einhüllte. Erst nach einigen Tagen, als die Heuschrecken selbst das letzte Gräschen abgefressen hatten und abgezogen waren, fand man die Leichen von Roß und Reiter inmitten der kahlen Wüste.

Nach der zweiten Türkenbelagerung erbauten sich mehrere vornehme Adelige auf dem Gebiete des Buchfeldes und seiner Umgebung prächtige Paläste und rasch entwickelte sich hier eine neue Vorstadt. Zum Gedächtnis an die Krönung Josefs I., des älteren Bruders Karl VI., erhielt sie den Namen Josefstadt.

Nach Wilh. Kisch

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
© www.SAGEN.at