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Die Wichtelcher bei Reckingen und ihr Verfolger

In einem Gemeindewalde von Mersch, zwischen Reckingen und Hohlfels, etwa zwanzig Meter oberhalb der Straße von Mersch nach Ansemburg, ist eine Felsengrotte, wo vor vielen Jahren Wichtelcher wohnten. Den Felsen nennt man noch heute Wichtelcheslê. Die Leute der benachbarten Ortschaften versahen die Wichtelcher reichlich mit Nahrungsmitteln, welche sie am Eingang der Grotte niederlegten, ohne je bei Tage eines der Wichtelcher zu sehen. Bei Nacht aber bearbeiteten diese die Felder derjenigen, die ihnen die Lebensmittel gaben; jene aber, die keine Felder hatten, fanden zum Dank dafür des Morgens Holz für mehrere Wochen vor ihrer Tür liegen.

Zwischen Schönfels und Marienthal hielt sich zu derselben Zeit ein Klausner auf. Dieser war ebenso beliebt wie die Wichtelcher. Er hatte für jedermann einen guten Rat; war jemand krank, so half sicher der Klausner, wenn es keine unheilbare Krankheit war. Die Wichtelcher lieferten ihm die heilenden Kräuter; diese kochte der Klausner im Wasser, das er aus dem Hunnebur schöpfte und das ebenfalls Heilkraft besitzen soll, zumal bei Augen- und Hautkrankheiten.

Auf dem Schlosse von Hohlfels wohnte damals ein Mann namens Steinhart. Dieser war früher Knecht bei der Herrschaft von Hohlfels gewesen und hatte das Glück, seinem Herrn mit eigener Lebensgefahr das Leben zu retten. Die Herrschaft wohnte damals in Lothringen. Um den Knecht zu belohnen, übergab man ihm lebenslänglich das Schloss Hohlfels mit den umliegenden Gütern. Dieser Knecht aber war so hart wie sein Name. Er war gewöhnlich in betrunkenem Zustande und dann war kein Mensch sicher vor ihm. Besonders mochte er weder den Klausner noch die Wichtelcher leiden, weil diese in der ganzen Gegend in so hoher Achtung standen. Eines Tages begegnete er dem Klausner und schlug mit einem Stock nach ihm; dieser konnte sich nur durch schnelle Flucht retten. Der Klausner sah nun wohl ein, dass er in seiner Klause nicht mehr sicher sei, doch wollte er die Gegend nicht verlassen. Er flüchtete sich deshalb in eine Felsgrotte bei Schönfels, welche einen Durchgang hatte bis in das Eischtal, in der Wichtelcheslê. Obschon jeder wusste, dass der Klausner sich dort aufhielt, so sagten die Leute doch, um Steinhart irre zu führen, er sei aus der Gegend verschwunden. Weil Steinhart sich nun nicht am Klausner rächen konnte, so ging er des Nachts aus, um die Wichtelchen auszuspähen und sie zu vertreiben. In ihre Wohnung jedoch vermochte er nicht einzudringen; zwar kannte jeder den Haupteingang zur Wichtelchesgrotte, niemand jedoch, außer dem Klausner, konnte zu ihnen gelangen, weil der Gang durch einen Felsen verschlossen war, welcher sich nur durch eine besondere Vorrichtung öffnen ließ. Daneben gab es noch verschiedene Auswege, die niemand kannte.

Eines Abends ging nun Steinhart aus, um die Wichtelcher auf dem Felde oder im Walde zu überraschen; er stellte sich auf einen Felsen, unter dem er öfters Spuren erkannt hatte. Beim Mondschein sah er auch wirklich eine Anzahl dieser kleinen Leutchen, und unter ihnen mit Erstaunen auch den Klausner, am Fuße des Felsens vorbeigehen. Plötzlich stieß er einen schweren Stein, den er zu diesem Zwecke dahingebracht hatte, auf die Wichtelcher herunter, traf aber niemand von ihnen; er selbst verlor durch die Anstrengung das Gleichgewicht und stürzte mit zerschmettertem Leibe in die Tiefe mitten unter die Wichtelcher. Er war aber noch nicht tot, konnte noch fluchen und die Schuld seines Unglückes auf die Wichtelcher schieben. Der Klausner sagte ihm, er täte besser sich mit Gott zu versöhnen. „Mit eurem Gott ist's ja nichts“, rief er, „ehe ich mich dazu verstehe, wollte ich lieber steinhart werden, wie mein Name ist“. – „Gebt acht, dass euer Wunsch nicht in Erfüllung gehe“, sagte ihm der gottesfürchtige Klausner. – Auf einmal stieß Steinhart einen Schmerzensschrei aus, und da er fühlte, dass sein Ende herannahe, sagte er: „Sollte ich hier sterben, so bitte ich euch, (und, wie man sagt, soll man einem Sterbenden keine Bitte abschlagen), bringt mich auf den Felsen, von dem ich heruntergefallen, da will ich steinhart werden, wenn euer Gott etwas fertigbringt“. – „Unser Gott“, sagte der Klausner, „kann sogar durch das Wasser Steine erzeugen“. Höhnend erwiderte jener: „Nun ja, dann kann er das Wasser unter mir ja auch verwandeln“. Nach diesen Worten kam ihm das Blut aus dem Munde, und er verschied. Die Zwerge brachten ihn auf den Felsen, setzten ihn dort mit dem Rücken an eine Erhöhung gelehnt und entfernten sich schweigend. Am folgenden Tage begaben sie sich wieder hinauf zum Felsen, fanden aber an der Stelle, wo sie Steinhart hingelehnt, nur mehr einen Stein. Von dieser Zeit an mieden sie den Ort. Kein Mensch außer ihnen und dem Klausner wusste, wo Steinhart hingekommen. Mehrere Jahre später starb der Klausner; auf seinem Sterbebette offenbarte er, wie Steinhart gestorben sei, war aber plötzlich tot, bevor er die Unglücksstätte bezeichnen konnte. Die Wichtelcher waren nun auch aus der Gegend verschwunden.

Der Erzähler dieser Sage fügt hinzu:

Vor sechs Wochen befand ich mich in der Gegend, woher die Sage stammt. Als Naturfreund besah ich mir den Felsen und besonders einen alleinstehenden, der einen Mann vorstellt. Man sieht deutlich den Kopf, die Augen usw., er hat einen spitzen Hut auf. Das wird nun wohl der Steinhart sein. Rund um den Berg fließen Brunnen den Berg herunter, welche Holz, Gras, Moos usw. versteinern.

Der Felsen befindet sich im Linebusch und ist Eigentum des Herrn de la Fontaine aus Luxemburg.

Quelle: Nikolaus Gredt, Sagenschatz des Luxemburger Landes, Luxemburg 1883