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Die Wichtelcher in der Gegend von Mersch

Die Wichtlein sind besonders im Merschertal sehr zahlreich gewesen; um Mersch selbst zeigt man verschiedene Wohnungen derselben, so auf der Höhe bei Angelsberg. Die bekanntesten sind die bei Schönfels und Reckingen. Am Fuße eines Felsens bei Schönfels, genannt op Wichtelcheslê, befindet sich der ziemlich enge, nun verschüttete Eingang zur Wichtelcheswohnung, die sich tief in den Berg hineinzieht, ein Labyrinth von Gängen bildet und auf der anderen Seite des Berges bei Reckingen münden soll. Hier bei Reckingen erhebt sich der sogenannte Wichtelchesfels mit dem Wichtelchesloch, durch welches man in einen hohlen Gang gelangt. Manch verwegener Bursche hat denselben schon auf eine weite Strecke verfolgt, ohne dessen Ende zu erreichen. Einst war einer, mit zwei Pfund Talglichter versehen, hineingegangen, aber es ging ihm wie den anderen. Hier haben die Erdmännchen gehaust. Dieselben hatten im Tale einen Brunnen gegraben, den Wichtelchespötz, so tief, dass niemand wusste, wie tief. Drei Tage lang hatten vorzeiten die umliegenden Gemeinden Steine hineinfahren lassen, ohne ihn jedoch ausfüllen zu können. Dieser Wichtelchespötz ist heute ein kleiner Morast von etwa zwei Meter Durchmesser und mit Gehölz überdeckt. Der Ort heißt im Hals (enge Talschlucht), und dort soll vorzeiten ein Dorf gestanden haben; alte Leute haben daselbst noch Steinhaufen und Grabmäler gesehen.

Alte Weiber behaupten, die Wichtlein noch aus dem Wichtelchesfelsen herunterkommen gesehen zu haben; sie seien ein bis anderthalb Fuß hoch gewesen und hätten an Querstangen, die sie über den Schultern trugen, Eimer gehabt, damit seien sie zur Eisch gegangen, um Wasser zu holen. Niemand hätten sie etwas zuleide getan. Da man ihnen nachspürte, kamen sie nur mehr während der Nacht aus ihrer Behausung hervor, um braven, frommen und ordnungsliebenden Leuten bei ihrer Arbeit zu helfen; den bösen aber fügten sie Schaden zu, wo sie nur konnten, und nahmen deren Korn auf dem Felde.

Diese Wichtlein, sagen die Leute, waren schlau, geschicklich, arbeitsam und gefällig gegen gute Menschen; sie flohen die menschlichen Wohnungen und lebten gesellig untereinander. Als Kopfbedeckung trugen sie jahraus jahrein einen großen Strohhut, sonst waren sie wie die Menschen gekleidet; stets trugen sie einen Spaten oder eine Hacke auf der Schulter.

Ein achtzigjähriger Mann erzählt, dass er eines Abends den Pflug auf dem Felde habe stehen lassen und dass er am folgenden Tage seinen Acker ganz umgepflügt gefunden habe.

Einst pflügte ein Bauer in der Nähe des Wichtelchesfelsen und da er im Innern desselben schwache Stimmen vernahm, welche riefen: „Back mir auch eins!“, so trat er an den Felsen heran und rief ebenfalls: „Wichtelmännchen, backt mir auch ein Brötchen!“ Alsdann verstummten die Stimmen im Felsen, und alles war ruhig. Der Bauer kehrte zu seinem Pfluge zurück und sieh! da lag ein feines Brötchen auf demselben, das die Eigenschaft hatte, nicht abzunehmen, soviel er auch davon abschnitt und aß. Sobald er aber den Leuten des Dorfes davon erzählte, nahm das Brötchen ab und war bald ganz verzehrt.

Quelle: Nikolaus Gredt, Sagenschatz des Luxemburger Landes, Luxemburg 1883