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Das Wichtlein zu Bollendorf und die Kuh mit goldenen Hörnern

Vor gar langer Zeit weideten zu Bollendorf die Kühe unter der Obhut eines jungen Burschen, dem an der treuen Erfüllung seiner Pflicht wenig gelegen war und der deshalb die Kühe so spät als möglich auf die Weide trieb und möglichst früh des Abends ins Dorf zurückbrachte. Durch diese Nachlässigkeit musste das arme Vieh natürlich leiden.

Da geschah es einst, dass eine glänzend weiße Kuh mit goldenen Hörnern aus dem nahen Walde hervorkam, sich auf der Wiese zu den Bollendorfer Kühen gesellte und mit ihnen graste. Als der Bursche zur gewohnten Stunde seine Kühe nach Hause zu treiben sich anschickte, wollte keine die Weide vor der fremden Kuh verlassen, und alle Anstrengungen, diese zu verjagen, blieben erfolglos. Der Bursche musste bleiben, bis sich die fremde Kuh bei einbrechender Nacht entfernte. Dasselbe wiederholte sich an den folgenden Tagen. Als nun eines Abends die weiße Kuh noch länger auf der Weide blieb, nahm sich der Bursche vor, derselben beim Weggehen in den Wald nachzufolgen, um zu erfahren, was für eine Bewandtnis es mit der fremden Kuh habe. Zwischen Felsen und Gesträuch sich durchwindend, eilte er dem Tiere nach, bis es plötzlich in einer Felsengrotte verschwand. Entschlossen trat er ein und fand sich vor einem hässlichen Zwerg, der ihn zornig fragte, was sein Begehr sei. Da forderte der Bursche Lohn für die Hut der weißen Kuh. „Unverschämter“, rief der Zwerg, „mein Tier bedarf deiner Hut nicht, und nur deshalb ist es in die Wiese gekommen, um dich zu zwingen, die dir anvertrauten Tiere besser zu besorgen. Doch den Lohn, den du verlangst, sollst du haben“. Mit diesen Worten langte der Zwerg aus einer mit Gold und Silber gefüllten Truhe eine alte, wertlose Münze. „Ich bezahle dich nach deinem Verdienst“, sagte er und warf dem Burschen die Tür vor der Nase zu.

L'Evêque de la Basse Moûturie, 267

Quelle: Nikolaus Gredt, Sagenschatz des Luxemburger Landes, Luxemburg 1883