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Das Wäschfrächen von der Olker Bâch

Eine halbe Stunde unterhalb des Dorfes Ralingen, welches früher zum herrschaftlichen Beringe von Rosport gehörte, liegt, hart an der Sauer, zwischen dem Rechenberg und dem Rhederberg, die romantische Talschlucht Olkerbach. Mitten darin befindet sich die sogenannte „Scheeß“, ein etwa dreißig Fuß hoher Felsen, von welchem der Olkerbach in einen Tümpel herunterfällt. An dieser Stelle erschien früher in gewissen Nächten eine große, hehre Jungfrau in blendendweißen Gewändern, welche von dem Volke „Wäschfrächen von der Olker Bâch“ genannt wird. Bald wusch sie schneeweißes Leinen in dem Scheeßentümpel, bald auch ging sie unterhalb der Scheeß am Rande des Olkerbaches oder in den früher sehr dicht hier stehenden Haselgebüschen auf und ab spazieren.

Eine Frau aus Olk hatte sich einst am Feste Mariä Himmelfahrt während der Vesperzeit in die Olkerbâch begeben, um Haselnüsse zu pflücken. Als sie an dem Scheeßentümpel angekommen war, erschien ihr plötzlich an dem rechten Rand des Olkerbaches eine schneeweißgekleidete Jungfrau, welche eine Kette von goldenen und silbernen Korallen um den Hals trug, und machte ihr wegen der Entheiligung des hohen Festes ernste und bittere Vorwürfe. Von Angst und Reue ergriffen, lief die Frau auf der Stelle heim in die Vesper.

Noch schlimmer erging es einst an dieser Stelle einem Jüngling aus Kordel, der sich zu Rosport als Schneidermeister aufgeschlagen hatte. Er war auf Mariä Geburtstag mit einigen Freunden und Bekannten in den Rechenberger Wald gegangen, um Haselnüsse zu pflücken. Über dem Pflücken trennte er sich zufällig von seinen Gefährten und geriet in die Haselsträucher, welche in den Berghängen der Olkerbâch standen. Da sah er plötzlich eine große, schneeweiß gekleidete Jungfrau von wunderbarer Schönheit auf einem unterhalb des Scheeßentümpels am rechten Ufer des Olkerbaches gelegenen Anger auf und ab wandeln. Sie trug eine goldene Krone auf dem Haupte. Ihre Gewänder glitzerten vom Schmucke des Goldes und des Silbers und ein unbeschreiblicher, wunderbarer Glanz strahlte von ihr aus. Der Jüngling fragte sie, ob sie sich vielleicht verirrt habe; sie aber blickte ihn streng an und sprach ernst und vorwurfsvoll: „Jüngling, heute ist ein Tag, den man nicht durch Vergnügen entweihen, sondern heiligen soll!“ Groß war das Entsetzen des Jünglings. Zu Hause angekommen, musste er sich schnell ins Bett legen. Von diesem Tage an kränkelte er und starb das andere Jahr auf Mariä Geburtstag.

J. Prott, Pfarrer

Quelle: Nikolaus Gredt, Sagenschatz des Luxemburger Landes, Luxemburg 1883