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Das Steipmännchen bei Ehnen

A. In alter Zeit hauste bei Ehnen ein schlimmer Geist, das Steipmännchen genannt, der besonders die Schiffer häufig neckte und ihnen böse Streiche spielte. Wenn das Steipmännchen in stürmischen Nächten im halben Kahne das Ehnener Wehr hinauffuhr, so machte es im Wasser mit Ruder und Stange ein großes Geplätscher und man hörte es fort und fort rufen: „Hilfe, Hilfe, sonst geh' ich zu Grunde!“ Kam dann ein mitleidiger Schiffer, nichts Böses ahnend, mit seinem Nachen bis zur gefährlichen Stelle gefahren, so fand er nicht nur keinen Hilfsbedürftigen, sondern hörte auch noch, wie das Steipmännchen in die Hände klatschte und ihn vom felsigen Ufer aus verlachte. Zürnte und fluchte ihm dann der Schiffer, so warf der Geist dessen Nachen um, und er musste seine Dreistigkeit mit einem kühlen Bad bezahlen.

Häufig rief das Steipmännchen bei Nacht von der jenseitigen Fähre: „Hol über!“ War endlich ein Schiffer an der Fähre angelangt, um den vermeintlichen Reisenden aufzunehmen, so empfing ihn von ferne spöttisches Gelächter und Gekicher. Wenn dann der Schiffer, unmutig über die gestörte Ruhe, nach Hause zurückfuhr, so hörte er den neckischen Geist im nahen Walde „Braas“ auch bald wieder sein langgezogenes „Huol îwer!“ rufen.

Lehrer Linden zu Rollingen

 

B. Vor Jahren hörte man in der Geisterstunde einen Schiffenden in der Mosel, der von Wormeldingen bis an die Statue des heiligen Nikolaus kam. Weiter kam er nicht hinauf. Hier angekommen, wandte sich schnell der Kahn und brr! ging's wieder stromabwärts. Er kam ein zweites, drittes Mal, und so setzte er seine Wasserfahrt fort, bis die Geisterstunde um war. Kein Mensch hatte je das Steipemännchen, wie das Volk ihn nannte, gesehen, wohl aber gehört.

Quelle: Nikolaus Gredt, Sagenschatz des Luxemburger Landes, Luxemburg 1883