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Das Heinzelmännchen zu Bartringen

In des Erzählers Nachbarschaft war vorzeiten ein Heinzelmännchen als Stallknecht tätig. Wenn der Nachbar des Abends das Futter für die Pferde vom Heuschober in die Scheune herabgeworfen hatte, rief er ihm zu: „Morgen fütterst du die Pferde um die und die Stunde!“ Sprach's und legte sich beizeiten zu Bett. Der Kleine, der gewöhnlich hoch oben in der Scheune saß, vernahm den Befehl, antwortete nichts und gehorchte aufs pünktlichste. Kam der Bauer morgens in den Stall, fand er den Fleißigen auf einem Pferde sitzen, den Pferdekamm in der Hand. Im Nu war das Heinzelmännchen zum Raufloch hindurch auf dem Heuplatz.

Der Bauer war auch nicht undankbar gegen seinen fleißigen Gesellen; jeden Tag wurden alle Türen vom Stall bis zum Küchenherd aufgemacht und die Schüssel mit Essen, aber ohne Löffel, hingesetzt. Hatte Heinzelmännchen das Vorgesetzte verzehrt, so sprang es wieder an seinen Ort zurück, um Stall und Pferde zu besorgen.

Einst war der Winter äußerst streng. Da ließen die Leute, aus Mitleid für ihren kleinen Knecht, diesem ein kleines Höschen verfertigen und legten dasselbe neben das Essen. Als nun zur Mittagszeit das Männlein wie gewöhnlich herankam und das Höslein erblickte, blieb es sinnend davor stehen. Die Leute riefen ihm zu, es solle die Hose anziehen, da es sehr kalt sei. Der Kleine aber glaubte, das Höslein wäre der Lohn für seine Arbeit, und die Leute möchten seiner gern loswerden. Deshalb weinte er überlaut, verließ das Haus und ward seit dieser Zeit nicht mehr gesehen.

Quelle: Nikolaus Gredt, Sagenschatz des Luxemburger Landes, Luxemburg 1883