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Der Bitschter Weiher

In dem tiefen Tale zwischen dem Dorfe Buderscheid und dem Pirmesknapp lag der alte, weit und breit bekannte Bitschter (Buderscheider) Weiher. Dieser Teich, der jetzt ganz verschwunden ist, hatte einen großen Umfang; er erstreckte sich von der Buderscheider Mühle bis an den Pirmesberg und füllte, wenn er hoch angeschwollen war, noch dessen beiden Nebentäler. Zwischen dem Teich und der Mühle befand sich ein hoher, breiter Damm, über welchen die jetzige Wilzer Straße hingeht.

Heiratslustige Mädchen, die nicht zu dem ihrigen kommen konnten, brauchten sich nur auf den Damm des Bitschter Weihers zu begeben und dort dreimal „Piwitsch!“ zu rufen. (Piwitsch nennt man in Beßlingen einen Vogel von der Größe einer Elster, der sich in morastigen Gegenden, wie z.B. zwischen Beßlingen und Gouvy, aufhält). Das Sprichwort: „Geh auf den Bitschter Weiher“ ist jedoch bekannter in den umliegenden und entfernteren Ortschaften als am Platze selbst. „Du wirst keinen kriegen“, scherzen oft die Mädchen untereinander. „O“, lautet dann die spaßige Antwort, „wenn ich keinen kriegen kann, so gehe ich auf den Bitschter Weiher und rufe: Piwitsch!“ *)

Am Bitschter Weiher war's vorzeiten nicht ganz geheuer; dort ging allerlei Spuk um. Um diesen Teich her, der sonst von wildem Gehölz umgeben war, hauste in alter Zeit eine Hexenzunft. Die Hexen tanzten nächtlich im Mondenschein auf den Bäumen des Waldes und machten dabei Musik und manchmal einen entsetzlichen Lärm. Auch schwebten sie oft um den Pirmesberg, tanzten in dessen heiliger Waldung mit wildem Getöse und schwebten durch die Lüfte nach allen Seiten hin aus und ein.

An diesem Teiche wohnte die alte berüchtigte Bitschter Hexe, die sich mit Wahrsagen und Kupplerei abgab. Sie besaß eine Flasche, in welcher sich ein Ei befand und ein gekreuzigter Christus. Nachts flog sie wie ein Vogel über dem Teiche her und stieß dabei einen heiseren, krächzenden Schrei aus. Junge Leute, Burschen und Mädchen, welche heiraten wollten und nicht recht zu dem ihrigen kommen konnten, suchten sie auf. Mit Hilfe ihrer Flasche sagte sie ihnen dann, welche Person für sie bestimmt sei, wo die ersehnte Person wohne, und wie sie sich zu benehmen hätten, um zu ihrem Zwecke zu kommen. Als man aber am Ende ihr Unwesen entdeckte, wurde sie in den Bitschter Weiher gesprengt. Gleich entstand ein furchtbares Ungewitter, welches den Weiher überflutete und in einen großen Morast verwandelte.

Noch heute ist es dort nicht heimelig. Der Glaube an den alten Spuk besteht noch immer, und die Leute fürchten sich, nachts an der Stelle des alten Weihers vorbeizugehen.

J. Prott, Pfarrer

*) Neben der Waldkapelle von Helzingen befindet sich ein Brunnen, Fons felix genannt. Jeder Unverheiratete, der an dem allgemeinen Wallfahrtstag dreimal im Brunnen trinkt und in einem Atem dreimal um die Kapelle läuft, wird noch im nämlichen Jahr verheiratet. In früheren Zeiten geschah es oft, dass Heiratslustige aus diesem Brunnen tranken und den Lauf um die Kapelle auszuführen versuchten.

Jacoby, Lehrer zu Helzingen

Quelle: Nikolaus Gredt, Sagenschatz des Luxemburger Landes, Luxemburg 1883