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Die Birkenjungfer oder Birkefrächen

A. Einem Manne aus Mutfort erschien sehr oft in der Birk ein weißgekleidetes Fräulein. Sie breitete einen weißen Teppich vor ihm aus, auf welchem dann plötzlich ein Ziegenböcklein stand. Dies Fräulein war die Birkenjungfer, welche ihren Aufenthaltsort in dem sogenannten Birkenmoore hat.

Ein gewisser Nik. Tilges von Mutfort, der einst in später Nacht von Ötringen zurückkehrte, begegnete auf dem zwischen Ötringen und der Birk gelegenen Kurzenberg einer schlanken Jungfer mit schneeweißem Rock und blutroter Schürze. Sie hatte die Arme entblößt bis an den Ellenbogen und trug eine weiße Rute unter dem Arm. Er grüßte sie sehr höflich, sie aber ging stumm vorüber, ohne seinen Gruß zu erwidern. Der Mann wandte sich, um ihr nachzuschauen, da war sie verschwunden. Daran erkannte Tilges, dass es die Birkenjungfer gewesen sei.

Ein Knecht aus der Mühlbacher Mühle fuhr einst, als es schon anfing dunkel zu werden, mit einem Karren von Ötringen nach Hause zurück. An dem Birkengraben angekommen, dort wo ein kleiner Wasserlauf, vom Birkenmoore ausgehend, die von Mutfort nach Ötringen führende Straße durchschneidet, sah er eine weiße Weibsgestalt ihm entgegen kommen, die statt des Hauptes einen Dornbusch auf den Schultern trug und von einem kleinen, niedlichen Hündchen begleitet war. „Das ist die Birkenjungfer!“ sagte sich der Knecht, und von jähem Schrecken ergriffen, ließ er Pferd und Karren im Stiche und lief in einem Atem bis nach Mutfort in das in der Nähe gelegene Schmatzhaus, wo er in Ohnmacht fiel.

An derselben Stelle gewahrten auch viele andere Leute bei einbrechender Nacht eine Weibsgestalt, die mit weißem Rocke und weißer Haube angetan war. Kaum aber hatten sich die Vorübergehenden von ihrem ersten Schrecken erholt, da stieß das Gespenst einen hellen Schrei aus, erhob sich schwebend in die Höhe und verschwand in der Richtung nach dem Birkenmoore hin. Darauf entstand im Walde ein so grauenhaftes Getöse, als gingen alle Bäume und Hecken mit fort und als wäre es der größte Sturmwind der Welt.

Auch ein gewisser Dominik Kemp von Mutfort, der mit einem schweren Mehlsack beladen von Ötringen kam, erblickte am Birkengraben eine schwankende, verschwommene Weibsgestalt, welche weiß gekleidet war und zwei Kerzen in den Händen hielt. Sie begleitete ihn, bald schwebend, bald gehend, unter grausenhaftem Getöse in der Luft und in dem Walde, bis in die Nähe von Mutfort. Das war, so meinten die Leute am anderen Morgen, wieder nichts anderes als die Birkenjungfer.

Diese Birkenjungfer, so erzählt man sich, war die einzige Tochter eines reichen Grafen, dessen Burg einst südlich von Ötringen in der Nähe der sogenannten Schlosswiese stand. Sie wollte Jungfrau bleiben. Der Vater aber hatte sie dem Sohn eines mächtigen Grafen zur Ehe versprochen, und als sie nicht willig war, wollte er Gewalt brauchen. Doch am Morgen des Hochzeitstages war die Jungfer verschwunden. Sie hatte sich in der Nacht nach dem nahe gelegenen Schlosswalde, den man heute Birk zu nennen pflegt, geflüchtet und hielt sich dort im Gebüsch versteckt. Der Vater zürnte und sandte sogleich alle seine Diener aus, um Nachforschungen in der ganzen Gegend zu halten. Es gelang ihnen bald, das Versteck der Jungfer zu entdecken und sie aufzuscheuchen. Wie ein gehetztes Reh floh das edle Fräulein vor ihren Verfolgern her und verschwand plötzlich mit einem herzzerreißenden Schrei in der Tiefe des Birkenmoores, über welches sie flüchten wollte.

Seither irrt in gewissen Nächten, jedoch jedes Mal vor Mitternacht, eine Weibsgestalt in blendendweißen Gewändern und mit zwei brennenden Kerzen oder Fackeln in den Händen klagend und jammernd an dem Rande des Birkenmoores umher. Dabei saust es unheimlich in der Luft und ein entsetzliches Krachen und Toben lässt sich in dem umgebenden Walde vernehmen. Will jemand sich in diesem Augenblicke ihr nähern, so verschwindet die Jungfer plötzlich mit einem gellenden Schrei in die Tiefe des Moores, und wollte er es dann noch wagen, an den Rand des Moores zu treten und ihr nachzublicken, würde sie ihn mit ihren Armen fassen und zu sich hinunter in die Tiefe ziehen.

 

B. In der Lohkaul, einer zwischen der Syr und der Birk gelegenen Wiesenflur, erscheint nächtlich ein reiterloser Schimmel, der einen hellblinkenden Sattel tragt. An der Stelle, wo der Birkengraben in die Wiesen und Felder mündet, sprengt er aus der Birk hervor und eilt in mächtigen Sätzen bis an das Ufer der Syr, wo er still zu grasen beginnt. Geht dann ein verspäteter Wanderer hier vorbei, so nähert sich ihm der Schimmel zahm und scheint schmeichelnd ihn gleichsam zum Aufsteigen einzuladen. Wehe dem aber, der nicht gewarnt wäre und es wagte, das geisterhafte Ross zu besteigen; es würde den Verwegenen blitzschnell bis an das Birkenmoor oder bis an den Pleitringer Weiher tragen und mit ihm in die Fluten tauchen. – Das ist die Birkenjungfer, die hier in Gestalt eines Schimmels umgeht.

Einst wanderte ein Mann, der wegen wichtiger Geschäfte auf Reisen war, auf einem Pfade, der sich das linke Ufer der Syr entlang hinzieht, an der Lohkaul vorbei. Er hatte sich verspätet und war müde von der langen Reise. Da sprengte plötzlich ein schöner Schimmel an ihn heran, der einen prachtvollen, hell durch das Dunkel blinkenden Sattel trug, und stellte sich schmeichelnd neben ihn, als wolle er ihm die Bügel zum Aufsteigen bieten. Nirgends ließ sich ein Reiter sehen, dem das Ross wohl gehören konnte. „Ei“, rief der müde Wanderer aus, den Schimmel streichelnd, „ei, du kommst mir gerade zur rechten Zeit!“ und schwang sich in den Sattel.

Doch sieh da, blitzschnell setzte der Schimmel über die Syr und mit der Schnelligkeit des Windes trug er den Reiter durch Hecken und Gesträuch bis an den Pleitringer Weiher, wo er denselben höchst unsanft in die Fluten absetzte.

J. Prott, Pfarrer

Quelle: Nikolaus Gredt, Sagenschatz des Luxemburger Landes, Luxemburg 1883