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Die Vila und der Jüngling.

Vilen sind die Elfen der Südslawen. Sie wohnen im Wasser oder in Wolken, luftige, lichtumflossene Gestalten, die sich oft schöner Knaben und tapferer Jünglinge annehmen und sie zu unbezwinglichen Helden machen. Zuweilen verfangen sie sich mit ihrem wallenden Goldhaar im Gestrüppe des Waldes und sind dann dem Manne dienstbar, der ihre Locken von den Dornen löst.

Lebte da ein armer Bauer, der viele Kinder hatte und nicht wußte, wie er ihnen Brot geben konnte.

So ging er einmal traurig aus dem Hause und dachte über sein bitteres Los nach. Wie er so in Gedanken durch den Wald schritt, begegnete ihm auf einem Kreuzwege ein Fremder, der ihn aber mit Namen anrief und um das Elend des Bäuerleins genau Bescheid zu wissen schien, denn er rückte sogleich mit einem bestimmten Vorschlag heraus. "Weißt du was?" sagte der Jüngling zum Bauern, "überlaß mir dein jüngstes Söhnlein, das vor kurzem zur Welt gekommen ist; ich will dir dafür Geld geben, soviel du nur in deinen Taschen mittragen kannst. Du kannst mir's gleich hierher bringen; ich will auf dich warten."

Der Bauer überlegte nicht lange und willigte ein, lief rasch in seine Hütte zurück, legte dem Knäblein den Taufschein und ein Gebetbuch auf die Brust und kehrte auf den Platz zurück, wo er den Fremden getroffen hatte. Mit dem Gelde ging er dann eilends wieder nach Hause.

Der Böse aber (denn der Fremde war ein Abgesandter der Hölle) hatte keine Gewalt über das Kindlein, da es getauft und geweiht war. Er schlich nur in weiten Kreisen um das kleine Geschöpfchen, das im Rasen lag, herum und getraute sich nicht, es anzugreifen.

Plötzlich stieß ein Adler aus der Luft herab, nahm den Knaben auf seine Schwingen und trug ihn auf einen hohen Berg in das Reich einer wunderschönen Vila, die den Knaben aufzog, so daß er zu einem stattlichen und heldenhaften Jüngling emporwuchs.

Die Vila und der Jüngling, Wilhelm Roegge

Die Vila und der Jüngling
Textillustration von Wilhelm Roegge

Die Vila wollte sich mit ihm vermählen, doch den Jüngling zog es fort aus den Bergen in die nahe Stadt, wo gerade damals ein Fest stattfand und viele Mädchen, selbst Prinzessinnen und Grafentöchter, versammelt waren.

Der Jüngling bat die Vila, sie möge ihn in die Stadt ziehen lassen. Die Fee des Berges wollte ihm die Bitte nicht abschlagen, doch knüpfte sie an die Gewährung die Bedingung, er dürfe ihrer in der Stadt auch nicht mit einer einzigen Silbe Erwähnung tun.

Als er aber in der Stadt die Mädchen sah und man ihn fragte, wie sie ihm gefielen, konnte er sich nicht enthalten, auszurufen: "Pah, was sind diese alle im Vergleich zur Vila in den Bergen!"

Darüber waren die Herren der Stadt ungehalten und sie sagten ihm, jetzt müsse er seine Vila auch in die Stadt bringen, sonst koste es ihm das Leben.

So stieg er denn wieder auf die Berge und holte die Vila ab, die in einer herrlichen Kutsche mit ihm in die Stadt fuhr.

Nun sahen wohl alle, daß sie weit schöner war als alle Mädchen der Ebene. Ihr goldenes Gewand war mit Tautropfen bedeckt, die im Feuer von Diamanten glänzten, und die Flut ihrer Locken umwallte sie gleich einem goldenen Mantel. Wenn sie den Wagen verließ, breitete sich von selbst ein samtener Teppich zu ihren Füßen aus, den sie mit ihren seidenen Schuhen kaum berührte, so leicht und elfenhaft schwebte sie dahin.

Als sie aber wieder den Wagen bestieg und der Jüngling an ihrer Seite Platz nehmen wollte, um mit ihr in die Berge zurückzukehren, stieß sie ihn von sich, weil er sein Versprechen gebrochen hatte, und sagte: "Du sollst mich niemals wiedersehen!"

Im selben Augenblick verhüllte sie eine Nebelwolke. Niemand wußte, wohin sie entschwunden war.

Traurig blieb der Jüngling zurück; doch er war fest entschlossen, seine Beschützerin aufzusuchen, koste es auch, was es wolle.

So stieg er denn auf den Berg hinauf, höher, immer höher, bis er zu einem Feuer kam, vor dem vier Männer saßen, die ihn verwundert betrachteten. Er verbeugte sich zierlich vor ihnen und sie fragten ihn: "Was hat dich denn bis herauf zu uns geführt?"

Da klagte er ihnen sein Leid und teilte ihnen mit, daß er die Vila suche; sie mögen ihm doch sagen, wo sie weile, und einer von ihnen möge ihn zu ihr führen.

Es waren aber die vier Männer, die um das Feuer saßen, die vier Winde. Sie beratschlagten nun miteinander, wie sie dem Jüngling helfen könnten. Da sagte der rauhe Gebirgswind zu seinem Kameraden, dem Südwind: "Ich brause über ödes Gestein und nacktes Felsgeklüfte, und wenn ich den Jüngling mitnehme, kann er an den Felsplatten und nadelscharfen Spitzen leicht zerschellen. Nimm du ihn mit, du fährst übers Meer und wellige Ebenen, da wird er keinen Schaden nehmen."

"Ich will es wohl tun," entgegnete der Südwind; "zudem hat mir eben die Vila den Auftrag gegeben zu wehen; denn ich soll die Wäsche trocknen, die sie gewaschen hat."

So nahm denn der Südwind den Jüngling auf seine Schwingen und im Nu trug er ihn zum Hause der Vila und wehte mit solchem Ungestüm, daß alle Wäsche, die im Hofe hing, zu Boden fiel. Da kam die Vila aus ihrem Palaste heraus, und als sie den Jüngling sah, den der Südwind mitgebracht hatte, war sie sehr erfreut; denn es hatte sie schon oft gereut, daß sie ihren Schützling damals verlassen hatte.

Unter dem Schutze der Vila aber verrichtete der Jüngling noch viele Heldentaten, bis sie ihn schließlich zu ihrem Gemahl und zum König der Berge erhob.

Quelle: Sagenbuch aus Österreich und Ungarn. Sagen un Volksmärchen aus den einzelnen Kronländern und aus den Ländern der Ungarischen Krone. Leo Smolle. Wien, Budapest, Stuttgart [1911]. S. 199 - 202