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Die böse Schwiegertochter.

Es war einmal ein Bauer; der hatte ein Söhnchen, das war sehr verwöhnt und eigenwillig und der Vater gab ihm in allen Stücken nach.

Als der Sohn nun in die Jahre kam, sich zu verheiraten, wollte er nur ein Edelfräulein zu seiner Gemahlin. Aber dieses rümpfte die Nase, als es hörte, es solle sich mit einem Bauernjungen vermählen; sie wollte nur einen Mann nehmen, der ebenfalls adelig wäre. Der Bauernsohn aber bildete sich ein, nur diese sollte seine Frau werden und keine andere, und lag seinem Vater so lange in den Ohren, bis dieser wirklich für seinen Sohn einen Adelsbrief kaufte.

Jetzt aber bestand der frischgebackene Edelmann auch darauf, daß sein Vater ihm seinen ganzen Besitz, das Haus mit den Wirtschaftshöfen, die Wiesen, Felder und Weingärten, kurz, alles, was sein eigen war, verschreibe.

Auch dies tat der gute, aber kurzsichtige Vater, der seinen Sohn stets verzärtelt und verwöhnt hatte und seinem Eigenwillen nie entgegengetreten war.

So wurde denn der junge Ivo Hausbesitzer und führte die Edeldame als Hausfrau auf sein Gut. Der junge Ehemann aber war bald übel daran; denn die Frau war herrisch und zänkisch, und wenn er früher störrisch und eigensinnig gewesen war, so hatte er bald gar keinen eigenen Willen mehr und mußte tun, was die Frau wollte.

Bald war dieser der alte Vater ein Dorn im Auge; sie mochte ihn nicht mehr im Hause und bei Tische leiden; er sei, so sagte sie, viel zu bäuerisch, sei eine rechte Schlafmütze, arbeite nichts, habe Triefaugen und sei beim Essen nicht reinlich genug.

"Mag er in der Gesindestube essen," meinte die stolze, herrische Schwiegertochter, "und schlafen kann er ja in dem Kämmerlein neben dem Pferdestall."

So geschah es auch und der Alte lebte nun ohne jede Pflege und Wartung; er schlief in dem finstern Kämmerchen neben dem Stall, wo es bitter kalt war, und beklagte unter vielen Tränen sein hartes Schicksal. Doch alle Bitten, die er an seinen Sohn richtete, sein trauriges Los zu verbessern, blieben vergeblich. Dieser hatte zwar anfänglich Mitleid mit seinem Vater, aber er getraute sich nicht, gegen den Willen seiner Frau zu handeln, denn diese beherrschte ihn ganz.

So verstrichen die Jahre; zwei Knaben entsprossen der Ehe, von denen besonders der ältere der Liebling des Großvaters wurde. Er kam immer herbeigesprungen, wenn der Alte vor der Tür seines Kämmerleins saß und sich im Sonnenschein wärmte; da mußte Großvater ihm Märchen erzählen und mit ihm spielen und oft legte der alte Bauer seine Hand segnend auf das Goldhaar des Kleinen und wünschte im stillen, er möge doch niemals so hart und böse werden wie sein eigener Sohn.

Weil die Mutter sah, daß Großvater den Kleinen so lieb hatte, mochte sie diesen nicht leiden und bevorzugte in allem ihr jüngeres Söhnchen.

Aber der Aufwand und die Putzsucht der an Reichtum gewohnten Frau bewirkten bald, daß der Wohlstand des Hofes sank und die Hausfrau selbst daran dachte, sich einzuschränken. Aber sie fing nicht bei sich an, sondern bei dem alten Schwiegervater, dem sie viel schlechteres Essen reichen ließ und sogar das Bett und die Decke in seinem Kämmerlein wegnahm, so daß der Alte auf Stroh lag und nichts hatte, um sich zu wärmen, wenn es draußen kalt war und der eisige Wind durch die Ritzen und Luken des Stalles pfiff.

Vergebens beschwor der Mann seine hartherzige Frau, seinen Vater nicht so im Elend verkommen zu lassen; alle Worte prallten an ihrem harten Kerzen ab und er war zu schwach, ihren Trotz zu beugen.

Eines Abends, als es draußen bitterkalt war und der Schnee durch die Luft wirbelte, ging der Gutsbesitzer noch zu einem Wirtschaftsgebäude, um etwas anzuordnen.

Er mußte bei dem Stall vorbei. Da hörte er aus dem Kämmerlein, in dem der Alte lag, die klagende Stimme seines Vaters: "O mein lieber Sohn, gib mir doch eine warme Decke! Ich halte es bei dieser Kälte nicht aus und meine Schwiegertochter hat mir alles entzogen."

Die böse Schwiegertochter, Wilhelm Roegge

Die böse Schwiegertochter
Vollbild von Wilhelm Roegge

Da wurde der Sohn von Mitleid erfaßt. Die ganze Schwere seines Undanks stand ihm vor der Seele. Rasch rief er den altern Knaben und befahl ihm, eine warme Decke für den Großvater zu holen.

Der Knabe lief eilends in den Pferdestall und brachte eine neue, schöne Decke herbei; ehe er sie aber dem Vater gab, nahm er sein Taschenmesser und schnitt die schöne, neue Decke in zwei Teile.

Der Vater ärgerte sich nicht wenig darüber und fragte den Knaben: "Ja warum willst du denn dem Großvater nur eine Hälfte geben? Damit kann er sich doch gar nicht recht zudecken."

Da sah der Knabe dem Vater treuherzig in die Augen und sagte: "Die andere Hälfte, Vater, will ich für dich zurücklegen, damit du auch etwas hast, womit du dich zudecken kannst, wenn du einmal so alt bist wie Großväterlein."

Da stieg es dem Vater siedend heiß zu Herzen und Tränen stürzten aus seinen Augen; er eilte in das Kämmerchen, fiel vor seinem Vater auf die Knie und bat ihn reuevoll um Verzeihung für die schnöde Behandlung, die er ihm habe angedeihen lassen.

Die Worte des unschuldigen Kindes hatten sein Gewissen aufgerüttelt und ihn die Größe seines Unrechts tief empfinden lassen.

Sogleich hatte er mit seiner Frau eine ernste Unterredung und erklärte ihr, er wolle sie nicht länger im Hause dulden, wenn sie nicht in sich gehe und sich bessere.

Die Frau aber nahm wirklich Vernunft an und war von dieser Stunde an wie verwandelt.

Gottes Segen aber ruhte fortan auf dem Hauswesen und der Greis lebte noch lange glücklich, geliebt von seinem Sohne und seiner Schwiegertochter und den heranblühenden Enkelkindern.

So geht es überall, wo der Jüngere den Älteren ehrt und seinen Rat hochachtet.

Quelle: Sagenbuch aus Österreich und Ungarn. Sagen un Volksmärchen aus den einzelnen Kronländern und aus den Ländern der Ungarischen Krone. Leo Smolle. Wien, Budapest, Stuttgart [1911]. S. 202 - 205