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DIE VERSCHÜTTETE STADT IN DER GAND

Nördlich vom Dorf Oberplanitzing bei Kaltern breitet sich die Gand aus, ein Trümmerfeld, besät mit wüstem Felsgeröll, als wäre in der Urzeit ein Berg in sich zusammengebrochen.

In grauer Vorzeit stand hier eine schöne und große Stadt, von deren einem Tor bis zum gegenüberliegenden der Wanderer eine halbe Stunde zu gehen hatte. Eine uralte, noch immer trotzig aufragende Ruine, der St.Georgs-Turm genannt, gibt heute noch Zeugnis davon. Die Bewohner dieser Stadt waren überaus reich, darum aber auch stolz und übermütig. Einmal, es war gerade Fasnacht und die ausgelassenen Städter wollten in der Belustigung ein übriges tun, da fiel ihnen nichts Besseres ein, als einem lebendigen Ochsen die Haut abzuziehen und das geschundene Tier mit Salz einzureiben! Der gequälte Ochse brüllte ganz entsetzlich und zog die Strafe des Himmels auf seine entmenschten Peiniger herab. Es kam ein furchtbares Gewitter, alle Schleusen öffneten sich und das Wasser stürzte von allen Berghängen in die Tiefe. Der benachbarte Berg wurde so gründlich unterspült, daß er auf die Stadt niederstürzte und dieselbe mit Mann und Haus unter den Felstrümmern begrub.

Als einige Zeit nach ihrem Untergang der "laufende Schuster" aus Jerusalem das zweitemal auf seiner Weltwanderung war und bei der Gand vorbeilief, rannen ihm die hellen Tränen über die Wangen, weil er die herrliche Stadt nicht mehr fand, die ihm auf seiner ersten Wanderung so gut gefallen hatte, und er sagte den Leuten, daß, wenn er zum dritten Male da vorbeikomme, die ganze Welt untergehen werde.

Eislöcher Gand, © Dietrich Feil

Eislöcher Gand
© Dr. Dietrich Feil

Seit der Zeit hat es kein Mensch mehr gewagt, sich in der Gand anzusiedeln; nur der Hirte treibt die Ziegen dorthin auf die Weide und im Sommer tummeln sich frohe Kinderscharen dort herum, zwischen den Eislöchern nach Himbeeren suchend und von schauerlichen Dingen plaudernd, die ihnen die "Nahnl" (Großmutter) von der Gand erzählt hat. Es war vor einigen Jahrzehnten, da stand bei einem benachbarten Bauern ein welscher Hirtenbube in den Dienst ein und mußte täglich die Geißen auf die Gand hinaushüten. Aber täglich kam er mit einem ordentlichen Dusel wieder heim. Der Bauer konnte sich das Ding gar nicht erklären, denn der Bub hatte ja keine Gelegenheit, ihm hinter das Weinfaß zu geraten. Als der Bub eines Abends wieder nur so "dahertschinderte" und die Ziegen nicht einmal vollzählig heimbrachte, da nahm sich der Bauer vor, der Sache selbst auf den Grund zu gehen, denn aus dem benebelten Jungen war nichts herauszubringen.

Richtig, am andern Tag schlich ihm der Bauer nach. Siehe da, der Bub schlüpfte alsbald in eines der Eislöcher, passierte einen langen, finstern Gang und soff am Ende desselben aus einem großmächtigen Weinfaß, das da regelrecht angezapft war. Das Faß stand aber im Keller eines der verschütteten Stadthäuser, zu welchem der Zugang zufälligerweise offen geblieben war. Der uralte Wein war wie das reinste Olivenöl - kein Wunder, daß er dem Hirtenbuben so gut geschmeckt hat!

Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 498 f.