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ORCO-SAGEN.

1.

Der Orco kann sich in jede beliebige Gestalt verwandeln; das zeigt folgende Geschichte. In ein Dorf kam einmal ein Kaufmann und verkaufte schöne Kleiderstoffe. Zwei Mädchen, die sprödesten und stolzesten des Dorfes, kauften Tuch und machten sich Kleider. Als sie am Kirchweihfeste mit diesen Kleidern in der Kirche waren, da zerrissen dieselben und fielen wie mürber Zunder vom Leibe zu Boden, so dass sie fast im Hemde dastanden. Voll Scham verliessen sie die Kirche und auf dem Platze davor war ein weisses Pferd, dieses wieherte, wie wenn es die Mädchen verlachen wollte. Kaufmann und Pferd aber waren Niemand anderer als der Orco.

2.

In Vallarsa besteht der Glaube, dass derjenige, welcher in die Fusstapfen des Orco gerathe, unwillkürlich den Weg des Gespenstes verfolgen müsse. So geschah es einmal einem Mädchen. Ohne ihren Willen sah sie sich fortgetrieben, vor ihr ging der Orco her und wollte sie auf die Spitze eines steilen Felsens führen, wo sie in die grösste Lebensgefahr gekommen wäre. In Todesangst schrie sie auf und rief jammernd um Hilfe. Da war ihr, als erwache sie aus einem tiefen Schlafe, sie war vom bösen Zauber befreit und konnte unbehindert heimgehen.

Auf dem Wege, der von Ala in das Thal Ronchi führt, ging einmal ein Mann und fand ein schönes fettes Kitz (Ziegenböcklein, capretto). Er nahm es auf die Arme und dachte: "Das arme Thier hat sich verlaufen, ich will es doch den Leuten bringen, denen es gehört die werden froh sein; sonst aber ess' ich es selbst, es gibt einen guten Braten!" Als er ein Stück weit gegangen war, rief eine Stimme in der Luft: "Brich ihm den Hals" (rotti, rotti)! "Ich kann nicht", schrie das Kitz, "er hat ein Hemd, das ist mit Faden von einem Garn genäht, welches im Quaternber gesponnen worden!" In demselben Augenblick verschwand es als feurige Flamme aus den Amen des erschrockenen Mannes, dem sonst kein Leid widerfuhr. Das Kitz aber war der Orco gewesen.

4.

Schlechter erging es einmal einem Manne aus Folgareit. Dieser kehrte von einem Markte in Schlägen (Asiago) nach Hause und musste durch einen grossen Wald gehen. Da verirrte er sich und kam immer wieder auf denselben Platz zurück und es war schon Nacht. Da fand er ein Lamm und weil er glaubte, es habe sich verlaufen, nahm er es auf die Schulter und wollte es nach Hause tragen. Als er wieder ein Stück gegangen war, hörte er plötzlich mehrere Stimmen, welche durcheinander riefen: "Brich ihm den Hals! Schnür' ihm den Hals zu 1 Erwürg ihn 111 "Ich kann nicht", schrie das Lamm, "sein HemdSaum ist mit Faden genäht, welcher durch Muttergotteswachs ist steif gemacht worden!" Erschrocken wollte der Mann das Lamm abwerfen, aber er konnte nicht und das Lamm sagte: "Trag mich auf den Platz zurück, wo du mich gefunden hast." Er that es, dort warf er es ab und sah nichts mehr. Aber er war so verwirrt, dass er gar keinen Weg mehr fand und im Walde übernachten musste. Am Morgen kam er blass und verstört nach Hause und starb bald darauf.

5.

Zwei junge Bursche kehrten einmal von ihren Mädchen nachts nach Hause zurück und fanden auf der Strasse einen Esel, welcher ganz ruhig dastand. Sogleich schwang sich Einer der Burschen hinauf, um in's Dorf zu reiten. Kaum war er oben, so ging der Esel in scharfem Trabe vorwärts in's Dorf hinein bis an eine Stelle, wo die Fensterlöcher eines ehemaligen tiefen Gefängnisses lagen. Dort warf er den Burschen kopfüber hinab, wieherte und verschwand. Tags darauf zog man den Burschen übel zugerichtet herauf und er hatte selbst nicht den mindesten Zweifel, es sei der Orco gewesen, der ihm so übel mitgespielt habe. Die Geschichte aber soll sieh in Mori zugetragen haben.

6.

Ein Weib grub im Garten und fand einen Knäuel des schönsten Seidenfadens. Erfreut reinigte sie denselben und steckte ihn in die Brustfalten ihres Kleides. Als sie denselben später wieder herauszog, hatte sie einen grossen Mistfladen in der Hand. Das war auch einer der neckischen Streiche des Orco.

7.

Der Orco ist nicht immer so boshaft, er hat auch Mitgefühl für Leidende. Ein armes Weib sollte in ihr noch fernes Dorf heimkehren; aber müde und erschöpft kam sie nicht mehr weiter und rief mit lauter Stimme den Orco. Da sah sie plötzlich einen Esel vor sich, welcher sie sanft und schnell in ihr Dorf heimtrug.


Quelle: Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Ein Beitrag zur deutschen Sagenkunde, gesammelt von Christian Schneller, Innsbruck 1867, Nr. VI., Seite 218