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Der Grenzgeist

In einer Vollmondnacht sah man einen Mann, der auf der zwischen Toller und Battisti gelegenen Wiese herumirrte. Es war der Geist eines Verstorbenen. Er ging auf der Wiese auf und ab und suchte etwas, was er nicht fand.

Während seines Lebens hatte er einen Grenzstein versetzt. Nun war er dazu verurteilt, diesen wieder an die ursprüngliche Stelle zu setzen.

Dartiber wurde überall gesprochen. Auch der Checo der Battisti war anwesend, ein Mann, der "Hellseher" war, und die nicht alltägliche Gabe besaß, sich mit den Seelen der Verstorbenen zu unterhalten. Der Checo sagte:

"Wenn jemand den Mut hat, mir zu folgen, lasse ich ihn mit dem Geiste sprechen."

Franz Zoro erklärte sich dazu bereit. Er folgte Checo auf die zwischen Toller und Battisti gelegene Wiese.

Beim Mondlicht sahen sie den Toten, wie er auf der Wiese hin und her ging. Checo öffnete das lateinisch geschriebene Buch, mit welchem er zu zaubern pflegte.

Er sagte zu Franz Zoro: "Berühre mich, während ich lese." Kurz darauf richtete der Checo an den Geist die Frage:

"Sag mir, wer bist du? Was suchst du auf der Wiese?"

Der Geist antwortete:

"Zu meinen Lebtagen habe ich den Grenzstein versetzt, um meinem Nachbarn Grund abzustehlen. Nach diesem an meinem Nachbarn begangenen Unrecht bin ich gestorben. Nun bin ich verurteilt, den Grenzstein zu suchen und ihn an die ursprüngliche Stelle zu setzen."

Aber dem Checo gelang es nicht, in seinem Buche zu lesen und den Geist verschwinden zu lassen. Die Macht des Verurteilten war stärker als die seine.

So kam es, daß der Geist zu Franz Zoro sagte:

"Innerhalb von drei Tagen wirst du bei mir sein."

Zoro ging nach Hause. Dort wurde er von einem starken Fieber erfaßt.

Drei Tage später ist er gestorben.

Quelle: Das Tal der Mòcheni, Aldo Gorfer, Calliano 1973, S. 46