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Die Grausteina vom Kiesereck

Es war einmal ein altes, häßliches Weib mit langen Armen und langen Fingernägeln. Es hatte eine große, gebogene Nase. Ihre Haare schienen aus Werg zu sein, das erst aus dem "Foll" (Ort, wo man den Flachs wäscht) gekommen war.

Die Frau hauste auf einem Hofe von Kiesereck, über dem Walde von St. Franz, und niemand hatte eine Ahnung, wer sie eigentlich sei. In Wirklichkeit hatte sich die häßliche Alte an die Stelle der eigentlichen Hofbesitzerin gesetzt.

Eines Tages sagte eine Bäurin von St. Franz zu ihrer Tochter: "Geh hinauf zum Kiesereck. Trage dieses Körbchen zur Großmutter hinauf und frage sie, wie es ihr geht".

Das Mädchen machte sich auf den Weg, mit dem Körbchen unterm Arm und gelangte zum Kiesereck. Die Haustür war verschlossen. Das Mädchen schloß sie auf und rief: "Großmutter! Meine Mutter hat mich heraufgeschickt zum Kiesereck, um dir dieses Körbchen zu bringen und dich zu fragen, wie es dir geht."

Die Alte antwortete: "Komm herein, Kleine, leg dich in dieses Bett, denn du bist vom langen Wege müde."

Das Kind legte sich ins Bett. Dann sagte es: "Großmutter, ich habe Hunger."

"Öffne den kleinen Schrank" - antwortete die Alte - "dort wirst du die "Frigeln" (Eierspeise) finden."

Das Kind öffnete den kleinen Schrank. Es holte die "Frigeln" heraus. Aber als es diese am Fenster beim Licht betrachtete, bemerkte es, daß es nicht "Frigeln", sondern "Gekröse" (Eingeweide) seiner Großmutter waren. Kurz darauf sagte das Mädchen: "Großmutter, ich habe Durst ".
"Öffne den kleinen Schrank" - sagte die Alte - "und du wirst etwas zum Trinken finden."

Das Mädchen öffnete den kleinen Schrank und zog ein Gefäß heraus. Aber als die Kleine es beim Licht am Fenster betrachtete, stellte sie fest, daß das Gefäß nicht Wasser enthielt; wohl aber Blut von ihrer richtigen Großmutter.

Da wurde das Mädchen von Furcht ergriffen und wollte fliehen. Es erfand eine Ausrede und sagte: "Großmutter, ich muß austreten, um meine Notdurft zu verrichten."

"Verrichte die Notdurft in deine Händchen" - antwortete die Alte - "und wirf es dann an die Stubenwand."

Das Mädchen brach in Tränen aus. Die Alte erhob sich vom Bette und fesselte das Mädchen an einen Stuhl. Aber das Kind war schneller. Mit einem Messer, das es unter dem Stuhle fand, schnitt es das Seil durch und entfloh.

Die Alte war die Grausteina. Sie hatte die Großmutter aufgefressen und wollte dasselbe auch mit dem Mädchen tun.

Quelle: Das Tal der Mòcheni, Aldo Gorfer, Calliano 1973, S. 45f