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Die Grausteina und die Eierschalen

Zu Joppe in Floruz lebte eine Frau, die, wenn sie eine Torte machte, die Eierschalen in Reih und Glied auf der Steinplatte des Herdes neben dem Feuer hinlegte.

Die Frau hatte ein Hausmädchen, das ihr beim Zubereiten des Teiges behilflich war, Wasser vom Bache holte, die Kühe molk, die Butter bereitete und die Kleider ausbesserte.

Eines Tages stieg das Hausmädchen dieser Frau hinauf zum Hinterland, um bei der Heuarbeit mitzuhelfen. Als es den Weg hinauf stapfte, bemerkte es die Grausteina und den Bilmon, die sich auf der Wiese unterhielten. Voller Schrecken lief es zum Hof zurück und die beiden hinter ihm her, die durch das Geklapper der "Knospn" (Holzschuhe) auf das Mädchen aufmerksam geworden waren.

Aber das Mädchen war schneller. Es schloß sich in der "Stua" (Stube) ein. Die Grausteina und der Bilmon betraten die Küche, wo die Torte unter der Asche gebacken wurde. Der Bilmon bemerkte die in Reih und Glied aufgestellten Eierschalen auf der Herdplatte neben dem Feuer. Er wunderte sich sehr darüber. Er sagte:

"Ich erinnere mich an den Urwald von Gereut (Frassilongo): neunmal Wiese, neunmal Acker, neunmal Wald. Aber so viele kleine Kessel auf dem Herde habe ich, meines Wissens, noch nie gesehen."

Die Grausteina und der Bilmon verließen wieder das Haus. Sie gingen hinauf zum Hinterland und trugen dort große "Ströb"-Haufen (Streu) von Erlenblättern zusammen.

Das Hausmädchen schlich aus der Stube hinaus und lief zum Hinterland hinauf, versteckte sich hinter einem dichten Brombeerstrauch und beobachtete die beiden Riesen. Während diese beschäftigt waren, Erlenblätter zu einem großen Haufen zusammenzutragen, zündete das Mädchen den Haufen an. Die Feuerflammen züngelten so plötzlich und so heftig empor, daß die Grausteina und der Bilmon ihnen nicht mehr auszuweichen vermochten. Sie verbrannten mit dem Erlenlaub.

Da begann das Mädchen laut zu rufen:

"Leb wohl, Grausteina! Leb wohl, Bilmon!"

Ihr Schrei war so laut, daß er im ganzen Tale widerhallte.

Quelle: Das Tal der Mòcheni, Aldo Gorfer, Calliano 1973, S. 44f