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DER WILDE MANN AUF DEM SCHLERN
Der
Schlern von Kastelrut aus gesehen. Auf dem Schlern war es einmal wieder aper geworden, und ein neuer Schwaiger kam hinauf und richtete sich in der Sennhütte ein. Wie die Nacht hereinbrach, kroch er auf den Heustock und machte sich in dem spärlichen Heu, das noch vom vorigen Jahr da verblieben war, sein gemütliches Nest. Er war kaum eingetost, da ging die Tür auf und herein trat ein Wilder Mann. Der Schwaiger tat, als ob er nicht da wäre und blieb mäuschenstill. Der Wilde ging schnurstracks zum Herd, schürte darauf ein Feuer an und kochte aus Asche und Wasser einen Blenten oder Pulggen, wie ihn die Leute hießen. Der rechte Pulggen wird aber aus Schwarzblentenmehl (Heidekorn) mit Wasser gekocht. Der Schwaiger schaute heimlich zu, und ein wenig fürchtete er sich auch. Als nun das Aschenmus fertig gekocht war, winkte der Wilde dem Senner, aus seinem Versteck hervorzukriechen. Dieser wagte es nicht, dem Wilden sich zu widersetzen, stieg also, obwohl es ihn ordentlich gruselte, vom Heu herab und blieb vor dem Herd stehen. Der Wilde fing an zu essen und winkte dem Schwaiger, mitzuhalten; der wollte nicht recht, aber als der andere ein zweitesmal den Wink tat, schoppte der Schwaiger in Gottes Namen ein Stück Pulggen in den Mund. Viel wird's nicht gewesen sein. Der Wilde grinste und war's zufrieden, daß er nur aß. Und so ging's ein zweitesmal. Als sie nun beide das Mus gegessen hatten, ging der Wilde Mann wieder fort. Hätte der Schweiger nicht mitgegessen, so würde ihn der Wilde
zerrissen haben. Quelle: Heyl, Johann
Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897,
S. 352 |