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WIE DIE WALLFAHRT NACH WEIßENSTEIN AUFKAM Um das Jahr 1550 lebte in Weißenstein ein recht frommer Bauersmann mit Namen Leonhard. Durch Gottes Fügung verlor Leonhard den Verstand und mußte drei Jahre lang als Geisteskranker behandelt und eingesperrt werden. In diesen Jahren des Elends und der Leiden wurde für den geisteskranken Mann viel gebetet, damit Gott ihm helfen möge. Nicht ohne Frucht war dies Gebet, denn Leonhard wurde oft von der Himmelskönigin in seiner Krankheit getröstet und ihm die volle Gesundheit verbeißen, wenn er an einer von ihr selbst bezeichneten Stelle ihr zur Ehre eine Kapelle bauen würde, die einstens ein berühmter Gnadenort werden sollte. Eines Tages aber entwischte Leonhard den zu seiner Bewachung bestimmten
Aufsehern und lief dem nahen Walde zu, wo er in eine tiefe Schlucht hinabstürzte.
Er blieb jedoch auf wunderbare Weise unverletzt. Neun Tage und neun Nächte
befand sich Leonhard in der Tiefe der Schlucht, ohne Speise und Trank
zu sich nehmen zu können. Desto mehr aber genoß er geistige
Nahrung, indem er oft des Besuches der seligsten Gottesmutter gewürdigt
wurde, die ihm die Gesundheit abermals verhieß, wenn er ihr zur
Ehre an der bezeichneten Stelle eine Kapelle bauen würde. Nach neun
Tagen fanden endlich Leonhards Verwandte, welche ihn immerfort suchten,
den schon Totgeglaubten und freuten sich sehr, ihn nicht nur lebend, sondern
auch geistig gesund zu finden. Doch Leonhard schien bald das vergessen
zu haben, was er in den Zeiten des Elends der Muttergottes versprochen
hatte, und er baute nicht. Als er
nun wieder krank wurde, dachte er an sein Versprechen, gelobte neuerdings
an der von der Muttergottes bezeichneten Stelle zu bauen, begab sich dorthin,
wo er nachts öfter ein helles Licht gesehen hatte, und fing an zu
graben, um die Kapelle zu bauen. Quelle: Simeoner, A., Die Stadt Bozen. Bozen 1890, S. 283 f. |